Poesiefestival : Mond in der Ferne

Nackt, einfach und arm muss Sprache sein: der Libanese Fuad Rifka ist am 23. Juni beim Poesiefestival Berlin. Er liest mit zahlreichen anderen Autoren während der Nacht der Poesie in der Kulturbrauerei.

Andreas Pflitsch
Poesiefestival
Poesiefestival Berlin -Foto: Promo

Vor rund einem halben Jahrhundert betrat ein junger Philosophiestudent aus purer Langeweile das Goethe-Institut in Beirut, ging in die Bibliothek und nahm wahllos ein Buch aus dem Regal. Die Begegnung mit der deutsch-englischen Ausgabe von Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“ markiert den Beginn einer Faszination, die den libanesischen Dichter Fuad Rifka bis heute mit der deutschen Literatur verbindet. In der Verschränkung des Poetischen und des Philosophischen erkennt er den ihm angemessenen Weltzugang: „In der deutschen Kultur“, sagt er, „denkt das poetische Wort, und das denkerische Wort ist poetisch durchtränkt.“

Ein Stipendium ermöglichte ihm 1961 ein Studium in Göttingen und Tübingen, wo er 1965 über die Ästhetik Heideggers promovierte. Über Heidegger kam Rifka zu Hölderlin und Trakl, die er später ins Arabische übertrug. Während andere arabische Dichter seiner Generation vor allem über angloamerikanische und französische Autoren Anschluss an die Moderne fanden, stellt Rifka eine Ausnahme dar. In Heideggers „Haus des Seins“ hat er sich eingerichtet – und einige Möbel verrückt.

Dichtung in leisen Tönen

1930 in Syrien geboren, kam Fuad Rifka als Kind mit seinen Eltern in den Libanon. In den fünfziger und sechziger Jahren trafen sich in Beirut Intellektuelle aus der ganzen arabischen Welt, die vor den in Ägypten, Syrien und dem Irak entstehenden revolutionären Regimes in die liberale libanesische Hauptstadt flohen. Intellektuell inspirierend, weltoffen, gar hedonistisch-dekadent ging es hier zu. Rifka gehörte zum Kreis um die Zeitschrift Shi’r (Dichtung), die er mit Yusuf al-Khal und Adonis 1957 ins Leben rief. Sie wurde neben al-Adab (Literaturen) zur einflussreichsten Literaturzeitschrift der Zeit und strahlte auf die gesamte arabische Welt aus. Während sich al-Adab unter dem Einfluss von Sartres Konzept einer Littérature engagée und vor dem Hintergrund des aufblühenden arabischen Nationalismus gegen den Rückzug der Literaten in den Elfenbeinturm aussprach, wandte sich Shi’r gegen jede Instrumentalisierung von Literatur im Dienste der Politik.

In den späten Sechzigern, einer Zeit des Aufbegehrens und der Politisierung, lud sich auch in Beirut die Atmosphäre auf. Und ausgerechnet inmitten dieser aufgeheizten, bald sich radikalisierenden Überspanntheit dichtete Fuad Rifka in ganz leisen Tönen. Die große dichterische Pose liegt ihm nicht. In Ton und Lexik ist sein Werk reduziert auf das Nötigste. Dabei ist ihm der Impuls des Pathos, der Wille zur Intensität, nicht fremd. Er gibt ihm aber nicht durch großsprecherische Gesten oder orientalische Blumigkeit nach, sondern bringt ihn in kleinen Dosen zur Entfaltung. „Eine kalte Pappel,/ auf ihren Wipfeln/ ein Rabe,/ plötzlich fliegt er weg,/ tief im Nebel/ sein Krächzen,/ tief im Nebel/ die Pappel.“ Wie in diesem Gedicht aus dem „Tagebuch eines Holzsammlers“, das auf ein Erlebnis am Wannsee zurückgeht, zeichnet sich Rifkas Werk durch stilistische Strenge und eine auf jedes Beiwerk verzichtende Sprache aus. Dabei geht es ihm durchaus um große Themen. Seine Dichtung, die eigentümlich zwischen einer Genügsamkeit pendelt, die alles will, und dem absoluten Anspruch, sich zu bescheiden, rückt so in die Nähe der absichtslosen mystischen Schau, die sich erst im Paradox verwirklicht. Das poetische Wort sei die Heimat der Wahrheit, sagt er, und benennt damit einmal mehr die Schnittstelle von Dichten und Denken. „Nackt, einfach und arm“ habe die Sprache zu sein, um als „Sprache der Tiefen“ Unsagbares zu umkreisen. Mit Hölderlin verweist er auf das Bewahrende der Lyrik, das er trotzig der prekären Instabilität des dichterischen Sprechens entgegensetzt: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

"Den Mond aus der Ferne zu betrachten, ist immer noch besser, als ihn gar nicht zu sehen"

Derzeit arbeitet er als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg an einer Anthologie deutscher Lyrik des 20. Jahrhunderts, und wenn man sich Brecht, Bachmanns „Gestundete Zeit“ oder Celans „Todesfuge“ in arabischer Sprache vorstellen kann, dann in Rifkas Arabisch. Er weiß, dass die Aufgabe, Lyrik zu übersetzen, wenn sie gelingt, einem Wunder gleichkommt. An das Original heranreichen werde der Übersetzer nie, aber es gelte, tröstet Rifka sich und uns: Den Mond aus der Ferne zu betrachten, sei immer noch besser, als ihn gar nicht zu sehen.

Fuad Rifka führt am Donnerstag den 28.6. um 17 Uhr im Maschinenhaus der Kulturbrauerei ein Gespräch über Lyrik im arabischen Raum.

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