Kultur : Poet in der Tonne

Das Berliner Literaturhaus widmet dem Schweizer Dichter Ludwig Hohl eine Ausstellung

Jörg Plath

Einer der wenigen, die das verschrobene Genie Ludwig Hohl (1904–1980) regelmäßig in seiner Genfer Kellerwohnung besuchten, glaubte sich dort auf einer Almhütte im Hochgebirge – so abgelegen, so fern von allem Getriebe wirkte die Klause mit dem offenen Ofenrohr, den im Raum verstreuten Bierflaschen und den eng beschriebenen Notizzetteln, die auf den quer durch den Raum gespannten Wäscheleinen hin und her pendelten. Nichtschweizer hätten vielleicht auch an Diogenes in seiner Tonne gedacht, wobei der Kellerort einen unschätzbaren Vorteil bot: Hohl musste niemanden bitten, ihm aus der Sonne zu gehen. Dafür hatte er, wenn das Geld nur reichte, sommers wie winters zu heizen. Viele Jahre reichte es freilich nicht, zuweilen konnte sich Ludwig Hohl, der Sohn eines Papierfabrikanten, nicht einmal Papier kaufen.

100 Jahre Hohl – Anlass für das Literaturhaus, ein kleines Hohl-Kabinett einzurichten, eine Kleinversion der Anfang des Jahres in Bern und Zürich gezeigten Ausstellung des Schweizer Literaturarchivs. Kurator Peter Erismann erklärt dem Besucher nichts. Der Sonderling Hohl tritt ihm auf Fotos und Zeichnungen aus der Kellerwohnung entgegen, und hinter der Vitrine mit den Erstausgaben ist er in einem längeren Film von Alexander J. Seiler zu sehen: ein etwas verkommener, gleichwohl perfekt gekleideter Herr im Dreiteiler mit Krawatte.

Alpinismus und Alkoholismus leuchten wie Fixsterne über Hohls zwischen Literatur, Philosophie und Autobiografie changierendem Werk. Sport betrieb er so ernsthaft wie die Suche nach dem Punkt zwischen Rausch und Nüchternheit, an dem das Schreiben befreit vonstatten ging. So paaren sich an Kafka erinnernde lebensreformerische Überzeugungen zwanglos mit dem bewusstseinserweiternden Drogengebrauch, wie ihn schon Baudelaire übte. An den lebens- und existenzialphilosophischen Gedanken und Erzählkernen, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren in Paris, Wien und Holland eruptiv aus dem jungen Mann hervorbrechen, wird der alternde sein Leben lang feilen. Nach 1949 schreibt er nichts Neues mehr, und der anfängliche Zusammenhang der Notate zerfällt immer stärker in Bruchstücke. Daran ist die unglückliche Publikationsgeschichte nicht unschuldig: Nach drei Werken im Selbstverlag ist der erste Band der „Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung“ 1944 ein kompletter Misserfolg, und Hohl muss zehn Jahre vor Gericht um die vertraglich vereinbarte Publikation des zweiten Bandes bei Artemis kämpfen. Danach erscheinen immer nur wieder Auszüge, Vorstufen, Bearbeitungen, auch von dem wohl bekanntesten Werk „Von den hereinbrechenden Rändern“.

Hohl verschrieb sich radikal der Kunst: „Alles ist Werk.“ Armut und Erleuchtung, Leiden und Verachtung des Erfolgs, Tragik und Wahrheitsethos verbinden sich in diesem Schriftstellerleben auf erschreckend exemplarische Weise und lassen es wie einen Archetypus der Moderne erscheinen. Wohl aus diesem Grund haben erfolgreiche Kollegen wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt vor dem „Schriftsteller für Schriftsteller“ den Hut gezogen. Dürrenmatt holte ihn auch aus der Psychiatrie und nahm ihn einige Wochen bei sich auf, obwohl Hohl durch lautes Deklamieren im Wald die Nachbarschaft zu erschrecken pflegte. Der Mann war eben auch ein begabter Selbstdarsteller und ein begnadeter Schnorrer. In grellem Kontrast zu alldem steht nur sein Erfolg bei den Frauen: Fünf Ehen schloss Hohl. Einige der Frauen wohnten im Parterre über Diogenes’ Kellerloch.

Literaturhaus, Fasanenstraße 23. Bis 11.2.2005, Montag bis Freitag 14–19 Uhr. Vom 20.12.2004 bis 9.1.2005 geschlossen. Eintritt frei.

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