Poetik der kleinen Schritte : Mit Uwe Tellkamp durch Dresden

Uwe Tellkamp schreibt in seinem Buch „Die Schwebebahn“ erneut über Dresden. Es ist ein persönlich gehaltenes Erinnerungs- Erkundungsbuch.

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Kauz und Kulturbürger. Uwe Tellkamp auf dem Blauen Wunder, Dresdens berühmter Brücke über die Elbe. Foto: Sven Döring/Suhrkamp
Kauz und Kulturbürger. Uwe Tellkamp auf dem Blauen Wunder, Dresdens berühmter Brücke über die Elbe. Foto: Sven Döring/SuhrkampFoto: Sven Doering / Agentur Focus

Wenn man im Dresdner Stadtteil Loschwitz nahe dem Schillerplatz die Standseilbahn besteigt, fährt man nicht einfach nur den Elbhang hoch in das beschaulich schöne Villenviertel Weißer Hirsch. Nein, man betritt am Ende der Fahrt einen Stadtteil, der durch Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ zum literarischen Ort geworden ist; ein Ort, an dem sich Realität und Fiktion vermengen – und der eine literaturtouristische Attraktion wurde.

Hier findet sich am Rißweg in einem düster-grauverputzten, an die DDR gemahnenden Haus die Bäckerei Walther, die von Tellkamps Romanfiguren aufgesucht wird. Auf den Brötchentüten der Bäckerei prangt ein Gedicht von Tellkamp. Hier stehen in der Oskar-Pletsch-Straße das durch den „Turm“ bekannte Haus Abendstern (Nr. 10) und das Haus Karavelle (Nr. 11), letzteres das Elternhaus des Autors. Hierhin führt der Dresdner Stadtführer Albrecht Hoch inzwischen nahezu täglich Literaturbegeisterte – und weiß dabei „Turm“-Passagen fließend zu rezitieren.

Zudem kann man seit dem Sommer 2009 auch dem „Turm“-Autor höchstpersönlich in den kleinen, verwinkelten Straßen des Weißen Hirsch zufällig begegnen. Uwe Tellkamp wohnt wieder in der Stadt, in der er 1968 geboren wurde, in dem Viertel, in das er als Neunjähriger mit seinen Eltern und seinem Bruder gezogen ist – und er wohnt in einem der Häuser, die in seinem Roman als „Tausendaugenhaus“ firmieren.

„Man kehrt nie zurück, das geht gar nicht“, sagt Tellkamp an diesem grauen Herbsttag bei einem Essen in der „Villa Marie“. Dieses Haus beherbergt ein italienisches Restaurant und liegt zu Füßen des „Blauen Wunders“, einer Elbbrücke, die Loschwitz mit dem Stadtteil Blasewitz verbindet. Es seien pragmatische Gründe gewesen, nach Stationen in München, Karlsruhe und Freiburg nach Dresden zurückzuziehen, so der Schriftsteller. Seine Frau kommt ebenfalls aus Dresden, ihre Familien wohnen in der Stadt. Nach der Geburt des zweiten Kindes bot sich der Umzug an: der besseren Kinderbetreuung, der zweckmäßigeren Verbindung von Arbeit und Familie wegen.

Tellkamp gibt jedoch zu, mit diesem Schritt gezögert zu haben. Die Beziehung zu seiner Heimatstadt ist ambivalent. Nicht nur, weil er weiß, dass „die Straßen der Kindheit wiederzusehen heißt, das Exil ohne Wiederkehr anzuerkennen, den Abschied, der uns für immer aus den endlos scheinenden Sommern der Abenteuer entfernt“, wie es in einem seiner Bücher heißt. Sondern auch, weil ihm von einigen Dresdnern seit der „Turm“-Veröffentlichung 2008 vorgeworfen wird, undankbar und ungebührend mit seiner Heimatstadt umzugehen, vor allem mit ihrem Leiden an der „süßen Krankheit gestern“, wie eine seiner vielzitierten Formulierungen lautet. Und auch, weil er die Gefahr sieht, dass der Schriftsteller Uwe Tellkamp zunehmend als Dresdens Stadtschreiber wahrgenommen wird. Häufig bekommt er etwa Material von Mitbürgern zugespielt mit den Worten: „Das müssen Sie aufschreiben!“

Sein neues Buch dürfte solche Ansinnen noch verstärken. Es ist ein persönlich gehaltenes Erinnerungs- und Dresden-Erkundungsbuch: „Die Schwebebahn“. Ursprünglich als kurzes Reisebuch gedacht für eine Reihe bei Suhrkamp, in der Schriftsteller über ihre Heimatstadt schreiben, erwuchs für Tellkamp mehr daraus. Er beschäftigte sich einmal mehr intensiv mit seiner Stadt: erzählend, sich erinnernd, Eindrücke auf aktuellen Stadtwanderungen erneuernd und so Vergangenheit und Gegenwart literarisch miteinander verschränkend.

Allerdings überwiegt die Erinnerung. Für Tellkamp ist das Aktuelle, Neue in der Stadt häufig Anlass, sich der Vergangenheit anzunehmen, der eigenen, der Dresdens: „Der Strom von Begegnungen, der einsetzt, wenn ich die Leipziger Straße, für mich eine der bilderreichsten von Dresden, in Richtung Radebeul hinuntergehe mit dem Schlenderschritt derjenigen, die nichts zu erledigen haben, was auf dieser Straße, die für den Alltag gemacht scheint, merkwürdig wirken muss, anders als der rasche, ausgreifende Schritt meines Vaters, wenn er mit meinem Bruder und mir ins ,Goldene Lamm’ zum Puppenspiel oder ins Sachsenbad zum Schwimmen geht.“ Oder er fragt: „...das alte Dresden, wovon so verklärend die Rede ging an den Kaffeehaustischen, was war es ihm?“

Wandert man mit Tellkamp vom Dresdner Szenebezirk Neustadt, wo „das Schrille und Schräge selbst Norm geworden war“, wie der eher szenefremde Schriftsteller schreibt, an der Elbe entlang, vorbei an den Baustellen für die Waldschlösschenbrücke Richtung Loschwitz, spürt man allerdings auch, wie tief er mit seiner Stadt verbunden ist, wie sehr Kindheit, Jugend und die hier als Assistenzarzt am Friedrichstadt-Krankenhaus verbrachte Zeit in ihm lebendig sind. Und wie sehr er andererseits mit Dresden hadert. Tellkamp erzählt viele Geschichten darüber, wie es drüben in der Johannstadt gewesen ist, dem Plattenbauviertel seiner frühen Kindheit. Wie er als Schüler einmal die Woche in die Industrieproduktion musste. Oder wie er in den Seitenarmen der Elbe baden war.

In diese Erinnerung mischt sich die Kritik an der Neigung seiner Mitbürger „zum Vergolden“, an ihrer Vergangenheitsseligkeit, dass sie die DDR-Zeit verdrängten: „Die Stasi ging in den Fünfzigern brutal, offensiv zu Werke, klar – aber in den Achtzigern lief das subtiler, deswegen nicht weniger brutal. Da klingelte halt jemand bei den Nachbarn und fragte nach dem Sohn der Tellkamps, wie der so sei? Schon war das Misstrauen gesät! Das war keine Idylle.“ Und, so Tellkamp weiter, zurück in der Gegenwart: „Die Grenze verläuft nicht mehr zwischen Ost und West, sondern zwischen Ost und Ost!“

Uwe Tellkamp bekommt etwas Bohrendes, Sendungsbewusstes, wenn er Sätze wie diese sagt. In solchen Momenten ist es schwer, damit die Schiebermütze auf seinem Kopf und diese merkwürdige dunkelblaue Jacken-Mantel-Kombination, die er trägt, zu verbinden, herauszufinden, was er für ein Mensch ist. Etwas kauzig wirkt er, ein Kulturbürger ohne Pop-Sozialisation, aber mit Repro-Allüren, kommt er bei diesem Dresden-Spaziergang eben oft auf das „Gestern“ zurück. Tellkamp liegt es fern, dieses Gestern zu verherrlichen. Und stets hat er sein Handwerk im Blick, das des Schriftstellers. Also sagt er, „Die Schwebebahn“ sei kühler und reifer als der „Turm“, auch stiller; er spricht von der „Turm“-Fortsetzung, an der er sitzt, weil der erste Teil viele neue Geschichten „angesogen“ hätte. Und Tellkamp erklärt gern, dass er die Zeitebenen in seinen Büchern verwirbeln, sie in der Tiefe durchstoßen, er die Chronologie der Zeit aufheben wolle.

Mit „Die Schwebebahn“ ist ihm das gut gelungen, hin und her schlängeln sich die Stadt-Beschreibungen, Figurenporträts und Erinnerungen, manchmal luzide, manchmal lyrisch mäandernd. Man muss sich Zeit nehmen, diese Erkundungen sind kein Reisebuch, kein Stadtführer, sondern Literatur, die bis in den Titel reicht. Er verweist auf die Loschwitzer Schwebebahn, die nur am Ende kurz erwähnt wird: „Das Schwebende ist das Prinzip dieses Buches, zwischen Zeit und Raum, den Erinnerungen und der Geschichte, auch zwischen den Figuren.“ Tellkamp bestreitet heftig, dass „Schwebebahn“ der bessere Titel gewesen wäre: „Nein, ich wollte das genau so. Mit dem bestimmten Artikel! Ohne klingt es flach und saisonal.“

Das sagt er fast provokativ. So wie er kurz darauf auf die Frage, um was es in seinem für einen kleinen Verlag entstandenen Buch „Die Uhr“ gehe, antwortet: „Um das Leben. Um was sonst, wenn man über Uhren und die Zeit schreibt!“ Uwe Tellkamp scheint nun auf Widerspruch bedacht zu sein. Er lächelt einladend, fast schelmisch – und nimmt sich dann bei der Essensbestellung der Wahl des Weines an. Ein Einheimischer muss es sein, ein Proschwitzer Roter, „am besten ein 2008er Jahrgang, der war sehr gut“. Es wird dann nur ein 2007er. Aber auch der ist gut, keine Frage.

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen. Suhrkamp, Berlin 2010, 167 S., 19, 80 €

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