Poetik-Dozent : Widmer beklagt "Sprache der Ökonomie"

Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer hat die "Sprache der Ökonomie" in der globalisierten Gesellschaft stark kritisiert und ihr einen "präfaschistischen Beiklang" vorgeworfen.

Frankfurt/Main - Die "Stunde Null" nach 1945 ist für Urs Widmer von der Literatur der Gegenwart gar nicht so weit entfernt: Während die Autoren der Nachkriegszeit sich die durch den Faschismus verstümmelte Sprache langsam zurückerobern mussten, sieht der Schweizer Schriftsteller heute die "Sprache der globalen Wirtschaft" als die große Herausforderung. Wenn menschliches Handeln nur noch unter dem Gesichtspunkt der Effizienz gesehen werde, habe dies einen "präfaschistischen Beiklang", kritisierte Widmer zum Auftakt seiner Poetik-Vorlesung an der Universität Frankfurt.

"Jargon der Macht"

Zu Widmers Premiere als Gastdozent - die traditionsreiche Reihe startete einst 1959 mit Ingeborg Bachmann - strömten knapp 1000 Menschen. In der Antrittsvorlesung paarte sich bei dem 68-Jährigen - wie in seinen Büchern - Witz und Ironie mit beißender Kritik. Die globalisierte Gesellschaft habe einen eigenen "Jargon der Macht", der nur für die "Sieger" gedacht sei, diagnostizierte Widmer. Er las Stellenanzeigen aus der "Neuen Zürcher Zeitung" vor, in denen es von angloamerikanischen Begriffen bei der Suche nach dem perfekten Manager nur so wimmelte.

Was früher der Staubsaugervertreter war, sei heute der "Area Sales Manager", witzelte Widmer. Es gebe aber nicht nur "prächtig aufgemotzte" Begriffe von Potemkinschen Qualitäten. Für die Aufgabe der Schriftsteller fand er einen poetischen Vergleich: Dichter und Literaten müssten - wie die Regenwürmer die Erde - die "Sprache der Ökonomie" auflockern.

Gegen den Maintream schreiben

"Das Abweichen von der Norm" proklamierte Widmer als oberstes Ziel für den Dichter. Ob Georg Büchner, Franz Kafka oder Widmers Schweizer Landsmann Robert Walser - schon immer seien Grenzgänger für den Literaturbetrieb interessanter gewesen als der "Mainstream". Und nur wenige Autoren hätten es verstanden, das Abweichen von der Norm so gut zu inszenieren wie Goethe, meinte Widmer.

Widmer, der in seinen Büchern oft individuelle Schicksale mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verknüpft, trat zuletzt mit seinem Erinnerungsroman "Das Buch des Vaters" (2004) hervor. Autobiografische Züge trug auch der von der Kritik hoch gelobte Roman "Der Geliebte der Mutter" (2000). Auf der Bühne erzielte 1997 sein Stück "Top Dogs", in dem es um den Absturz von entlassenen Spitzenmanagern geht, einen großen Erfolg bei Publikum und Kritik.

Die renommierte Poetik-Vorlesung wird seit 1963 vom Suhrkamp Verlag und dem Förderverein der Frankfurter Universität finanziert. Für das vergangene Sommersemester war der Schriftsteller Andreas Maier ("Wäldchestag") verpflichtet worden. Zuvor gehörten Wilhelm Genazino, Robert Menasse, Monika Maron, Angela Krauß, Tankred Dorst und Elisabeth Borchers zu den Dozenten. (tso/ dpa, Thomas Maier)

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