Poetischer Widerstand in Leningrad : Unsere geheime Freiheit

Sie druckten in kleinen Auflagen und lasen in privaten Wohnungen: Wie sich in Leningrad der poetische Widerstand organisierte – und was es damit heute auf sich hat. Ein Dichter erinnert sich.

Valery Schubinsky
Sozialistische Tristesse. 1989 in Leningrad, heute St. Petersburg.
Sozialistische Tristesse. 1989 in Leningrad, heute St. Petersburg.Foto: V. Raitmann/p-a/dpa

Für die russische Gegenwartsliteratur bleibt es noch immer eine wichtige Frage, von welcher sowjetischen Tradition ein Autor abstammt – von einem Zweig mit „menschlichem Antlitz“ oder von der freien „zweiten Kultur“? Und was bedeutet frei überhaupt, wenn wir vom Leningrad vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion sprechen? Die Formen des damaligen literarischen Lebens waren außergewöhnlich. Auf der einen Seite gab es offizielle Institutionen (in Leningrad drei monatliche Literaturzeitschriften und ein paar Verlage), die in absurd hohen Auflagen Autoren verlegten, die meistens kaum voneinander zu unterscheiden waren (die Mindestauflage für einen Lyrikband lag bei 10 000 Exemplaren). Im Gegensatz dazu gab es auf der anderen Seite Typoskriptzeitschriften mit absurd kleinen Auflagen (fünf bis zehn, höchstens 20 Exemplare), Lesungen und Konferenzen in privaten Wohnungen.

Wahrscheinlich war die besondere Luft des spätsowjetischen Leningrad – der Stadt der imperialen Paläste und der riesigen Gemeinschaftswohnungen, der vom Wind durchblasenen Prospekte und der dunklen, feuchten Treppen, der von Puschkin und Block besungenen „geheimen Freiheit“ und der gelassenen Hoffnungslosigkeit – dafür verantwortlich, dass viele bedeutende Lyriker sich weigerten, künstlerische Kompromisse einzugehen, die für offizielle Veröffentlichungen notwendig waren.

Die „zweite Kultur“ schuf die Texte, die in Zukunft die wichtigsten sein würden

Heute, aus der Distanz der Jahre, sieht man: Diese „zweite Kultur“ wusste von sich nicht, dass sie in Wirklichkeit die erste war und die Texte schuf, die in Zukunft am wichtigsten sein würden. Die erwähnten Alltagsstrukturen wurden von allen, die mit ihnen zurechtkommen mussten, als unnatürlich und provisorisch empfunden. Die Idee eines gemeinsamen Widerstands machte zum Beispiel die innere Polemik, die normalerweise Bestandteil jedes Literaturlebens ist, fast unmöglich. Dabei gab es unter den inoffiziellen Poeten selbstverständlich sehr unterschiedliche Menschen und Lyriker.

Heute sieht man auch, dass es etwa eine „neomodernistische“ Linie gab (der später die Assoziation Kamera Chranenija und noch später die jüngeren Igor Bulatovsky, Alexej Porvin, Alla Gorbunowa nachfolgten) und eine „postmoderne“, die sich um den kürzlich gegründeten Arkady-Dragomoschenko-Preis organisiert. Allerdings gibt es zwischen diesen Linien keinen solchen Abgrund wie den, der sie von den Autoren trennt, die Nostalgie danach verspüren, als der Staat seine Schriftsteller vollständig versorgte (und kontrollierte), oder auch von denen, die kommerzielle Unterhaltungsliteratur produzieren. Es gibt selbstverständlich viel mehr Verlage als vor 30 Jahren, die Veröffentlichung eines Lyrikbandes, besonders für einen jungen Autor, ist manchmal immer noch ein Problem, aber kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Es gibt viele kleinere und größere Säle für Lyriklesungen. Die Nachfolger jeder Tradition können sich eine eigene Nische errichten. Für Lyriker, die der freien „zweiten Kultur“ folgen, sind deren Vertreter aus den 1970ern genauso wichtig, wie es für diese die Dichter der Moderne waren – in Leningrad Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam, in Moskau eher Boris Pasternak und Marina Zwetajewa.

Jelena Schwarz hat ihr Leben dem Schreiben geopfert

Für mich ist dieses Gefühl der Nachfolge, des In-die-Fußstapfen-Tretens nicht nur durch die Lektüre und das Hören großer Gedichte bedingt, sondern auch durch die persönliche Bekanntschaft mit deren Autoren. Ich danke dem Schicksal für einige Jahre der Freundschaft mit Jelena Schwarz, einer außergewöhnlichen Frau, die in sich gekehrt war, die einen unabhängigen und starken Intellekt mit völliger Schutzlosigkeit gegenüber Kränkungen vereinte, die sich ständig im inneren Dialog mit den Geistern vieler Kulturen befand. Sie hat alles in ihrem Leben dem Schreiben geopfert.

Ich erinnere mich an Viktor Kriwulin, eine führende Persönlichkeit der „zweiten Kultur“, dem in postsowjetischen Zeiten aber niemand mehr diese Rolle zubilligen wollte, worunter er litt. Aber man sah am ironischen Glanz seiner Augen, an seinen klugen und giftigen Bemerkungen, wie er in seinen großen Jahren gewesen war. Seit einem Vierteljahrhundert pflege ich Umgang mit Sergej Stratanowsky, einem kleinen bebrillten Mann, der mehr wie ein Bibliothekar als ein Lyriker aussieht (und tatsächlich lange Jahre in einer der zwei wichtigsten Bibliotheken Russlands gearbeitet hat). Seltsam, aber wahr: Dieser offene, klare Mensch spiegelt in seiner Lyrik die finstere, aggressive, abseitige Seite des menschlichen Bewusstseins und der menschlichen Erfahrung. Auch Dragomoschenko, der Anführer der mir fremden „postmodernen“ Linie der Petersburger Lyrik der 70er bis 90er Jahre, war ein freundlicher, aufmerksamer und höflicher Mensch.

Das Internet hat eine Art virtuelles Petersburg geschaffen

Heute wird die Petersburger Poesie nicht nur von Autoren, die in Petersburg selbst leben, vertreten. Polina Barskova bleibt eine Petersburger Lyrikerin, auch an der amerikanischen Universität, an der sie unterrichtet. Die Impulse der freien Petersburger Poesie beeinflussen viele Lyriker, die zum Teil sogar in anderen Ländern leben. Das Internet hat eine Art virtuelles Petersburg geschaffen, und es kommt vor, dass man bekannte Intonationen und Motive unerwartet in den Zeilen eines Dichters aus Sibirien oder der Krim, aus Weißrussland oder Israel trifft und ihn als einen der Unseren erkennt.

Der Autor, 1965 in Kiew geboren und heute in St. Petersburg zu Hause, diskutiert am Di, 27. Juni, 20 Uhr im Literaturhaus Berlin mit der 1976 in Leningrad geborenen Dichterin Polina Barskova über „Poetischen Widerstand aus St. Petersburg“. Die Schriftstellerin Olga Martynova moderiert. Schubinskis Text hat Daniel Jurjew aus dem Russischen übersetzt.

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Weiße Nächte in St. Petersburg
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