Poetologie : Denken im ganzen Körper

Der syrisch-libanesische Dichter Adonis kämpft für eine kulturelle Moderne. In seinen Essays erklärt er das Geheimnis der arabischen Poesie - und drückt sich doch um offene politische Bekenntnisse

Volker Sielaff

Dem Rezitieren und Memorieren kam in der vorschriftlichen arabischen Lyrik eine wichtige Rolle zu. Der Poet trug, was er ersonnen hatte, in der Regel selbst vor. „Der dichterische Vortrag ist nichts anderes als eine Art von Gesang“, erklärt Adonis in seiner „Einführung in die arabische Poetik“, in der es viel um „vorislamische Mündlichkeit“ und deren Systematisierung geht. Man wollte sich damit in einem von hellenistischen, orientalischen und arabischen Einflüssen gemischten Milieu ein Regelwerk schaffen, das für den Sprachgebrauch nützlich sein konnte.

Wenn es um kulturelle Identitäten geht, um das Verhältnis des Orients zur Moderne, ist der Dichter Adonis Experte. In vielen seiner Schriften entwirft er eine Art Kulturkritik des Ostens, ausgehend von seiner Kenntnis der westlichen Moderne. Dass sie keine europäische Erfindung war, ist ein Kerngedanke einer Auswahl von Adonis’ theoretischen Schriften unter dem Titel „Wortgesang – Von der Dichtung zur Revolution“.

Das wird besonders deutlich im stärksten Text der Sammlung, „Sufismus und Surrealismus“. Darin macht der Autor verblüffende Parallelen zwischen mystischer Religiosität und künstlerischer Avantgarde aus. Beide haben nach Adonis „den gleichen Weg der Erkenntnis eingeschlagen, wenn auch unter verschiedenen Namen und mit unterschiedlichen Zielen“. Beim Surrealismus handele es sich um einen „heidnischen Sufismus, einen ohne Gott“, beim Sufismus um einen „Surrealismus auf der Basis einer Suche nach dem Absoluten“.

Das wirft auch ein Licht auf Adonis’ Überzeugung, dass die Imagination Vorrang vor dem Faktischen habe. Das Imaginäre komme schließlich dem Bedürfnis des Menschen nach einer Begegnung mit Gegebenheiten jenseits der Bücher, des Verstandes und der Wissenschaft entgegen: „In einem solchen Moment spürt der Mensch, dass sich sein Denken nicht nur in seinem Kopf abspielt, sondern in seinem ganzen Körper.“ Das bedeutet auch, dass die Sprache der Sufis als „poetische Sprache“ im Gegensatz zur religiös-dogmatischen Sprache steht, „wo die Dinge völlig eindeutig sind“.

Der 1930 unter dem Namen Ali Ahmad Said im syrischen Alawitengebirge geborene Dichter meidet Dogmen aller Art. Die arabisch-islamische Kultur steckt für ihn in einer tiefen Krise, weil ein religiöser Text „gleichzeitig ein kultureller, gesellschaftlicher und politischer Text ist. Die darin enthaltene Wahrheit ist die ,Mutter aller Wahrheiten’, gegen die es kein Opponieren und kein Auflehnen gibt. So ist sie wie ein Gesetz, das sowohl das Leben als auch das Denken bestimmt. Wer dagegen verstößt, wird nicht als jemand betrachtet, der seinen Verstand gebraucht, sondern schlicht und einfach als Ungläubiger“.

Mit Blick auf die westliche Kultur dekonstruiert der Dichter das „Konzept der Toleranz“, in dem gleichfalls ein grundsätzlicher Fehler stecke, insofern nämlich, als die Toleranz häufig nur darauf abziele, „mit der Schminke der Heuchelei“ die Unterschiede zwischen Mehrheit und Minderheit zu kaschieren. Gleichheit, nicht Toleranz sei wesentlich für jede demokratische Ordnung.

Adonis ist erklärter Laizist. Der Dialog zwischen den Kulturen ist für ihn nur möglich in der Überzeugung, „dass es in erster Linie um den Menschen geht und nicht um das Sakrale, die Religion oder die Nation“. Dichtung und poetische Wahrheit bilden für ihn einen totalen Gegensatz zu Religion und religiöser Wahrheit. Die monotheistischen Religionen sollten, so Adonis, ihr „Welt- und Menschenbild einer Prüfung unterziehen“. Geschehe das nicht, bleibe jeder Dialog nur „kultiviertes Geplänkel“, seine Sprache nichts weiter als „leeres Geschwätz“.

Bis zum Fall Bagdads im Jahre 1258 habe der Elan, Neues auszuprobieren, in der arabischen Kultur fortgelebt, hält der Dichter in seinem Essay „Zur Erneuerung des Islam“ fest. Mit der Herrschaft der Osmanen seien diese Werte zusehends von der Bildfläche verscwunden und richtig problematisch sei es im 19. und frühen 20. Jahrhundert geworden: „Hätten die Araber doch sich die im Westen stattfindenden Umwälzungen in Wissenschaft und Technik zu Nutzen gemacht und gleichzeitig an die in der arabischen Geschichte vorhandenen Werte der Erneuerung und Modernisierung angeknüpft!“, ruft er aus.

Am deutlichsten wird Adonis in seinem im Mai 2011 in der Tageszeitung „Al Hayat“ erschienenen Artikel „Der Augenblick Syriens“: „Ja, was nun passiert, war – für mich zumindest – zu erwarten gewesen.“ Mit diesem und ähnlichen Texten kam er allerdings auch ins Gerede. Als ihm 2011 der Goethe-Preis zugesprochen wurde, flammte eine Debatte darüber auf, ob diese Ehrung so kurze Zeit nach dem Arabischen Frühling den Richtigen treffe. Grund zur Skepsis gaben den Kritikern vor allem jene Äußerungen in „Al Hayat“, in denen er seinen Glauben an eine Reformierbarkeit des syrischen Staates von oben, also auf Initiative von Präsident Assad, bekannte. Noch Anfang August 2011 hatte der Dichter gegenüber der in Kuwait erscheinenden Zeitung „Al Ray“ zu Protokoll gegeben: „Ich glaube, der Präsident ist fähig zu Reformen.“

Adonis hat mehrfach bekannt, dass er nichts so sehr fürchte wie eine Übernahme der Macht in seinem Land durch fundamentalistische Kräfte. Das könnte einiges verständlicher machen. Adonis sei kein Anhänger des diktatorischen Regimes, kommentiert sein Übersetzer Stefan Weidner denn auch die Ereignisse, aber er scheine „wie so viele von der Entwicklung überraschte Autoren schlicht den Glauben an die Zukunft verloren zu haben“.

Bedauerlich sei es trotzdem, so Stefan Weidner, der in seinem Vorwort zu der Essaysammlung betont, diese könnten unter Umständen „ein wahrer Augenöffner, eine kleine Offenbarung“ für deutschsprachige Leser sein. Vielleicht hält man sich also lieber daran statt an Adonis’ tagespolitische Äußerungen. Volker Sielaff

Adonis:

Wortgesang – Von

der Dichtung zur

Revolution.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2012. 302 S., 22,99 €

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