Kultur : Pointen auf leisen Sohlen

Zum Tod des „Eulenspiegel“-Karikaturisten und Buchillustrators Manfred Bofinger

Kerstin Decker

Einer der bekanntesten Karikaturisten der DDR ist tot. Der bekennende Berliner Manfred Bofinger wohnte dort, wo Treptow an Neukölln und Kreuzberg anstößt und sah aus wie ein Fleischermeister, aus dem um ein Haar Platon geworden wäre. Seine Zeichnungen sahen irgendwie genauso aus. Grob-zart. Als Karikaturist des Satiremagazins „Eulenspiegel“ wurde Manfred Bofinger berühmt. Dort fing er auch an, zuerst als Schriftsetzer.

Eine Bofinger-Pointe „knallte“ nie. Schon aus Prinzip nicht, sagte er. Eine richtige Pointe, fand Bofinger, schleicht sich an, ungefähr so wie Koschenka – Bofingers Kater – das machte. Sie kommt ganz leise von hinten nach vorn. Am besten wussten das natürlich die Kinder. Denn am liebsten malte Bofinger doch für Kinder und solche, die es immer bleiben wollten.

Zum Beispiel die „Christine“-Bücher. In den „Christine“-Büchern steht drin, wie lieb Christine ihren kleinen Hund hat, obwohl der so furchtbar hässlich ist, und dass Kranksein zwar doof ist, man seine Medizin aber trotzdem nehmen muss. Lebenshilfe für Kinder. Lebenshilfe, fand Bofinger, ist überhaupt ein ungemein schönes Gebiet. Für Beziehungsratgeber, Koch-, Mathematik- und Spanischlehrgänge malte er besonders gern. Außerdem Plakate, Theaterkulissen, Zeitungsanzeigen...

Die „Christine“-Bücher hatten noch ungefähr einen Satz pro Seite, aber vor ungefähr acht Jahren schrieb Bofinger eins, das plötzlich aus lauter Sätzen bestand. Es hieß „Der krumme Löffel“ und handelte von Bofingers Kindheit in Berlin. Da bekam er Post aus Bielefeld, und ein Bielefelder schrieb ihm: „Ich kann mich nicht erinnern, je ein zärtlicheres Buch gelesen zu haben.“ Bofinger notierte, wie Berlin roch, gleich nach dem Krieg. Der Tiergarten nach Beifuß, der Freund Segelohr nach eingekellerter Kartoffel, der Westen besser als der Osten... Damals muss es noch viel mehr Gerüche gegeben haben als heute. Nur das Naturkundemuseum rieche noch immer genauso, und die Berliner S-Bahn vielleicht auch. Nach „Kurzschluss und Wunderkerze“, sagte Bofinger.

Wahrscheinlich zeichnete und schrieb Bofinger immer vormittags, denn irgendwann am Nachmittag saß er meist bei seinem Italiener, genau da, wo Treptow an Neukölln und Kreuzberg anstößt. Man sah Bofinger dort sitzen und wusste, die Welt ist in Ordnung. Es gibt noch Dinge, auf die ist Verlass. Vor genau einem Jahr fehlte Bofinger plötzlich bei seinem Italiener. Er war nach einem Gehirnschlag ins Wachkoma gefallen. Am Sonntag – wie gestern bekannt wurde – ist Manfred Bofinger in Berlin gestorben. Er wurde 64 Jahre alt. Aber das Buch, das er sein „Jahrhundert-Buch“ nannte, hat er noch geschafft. Es ist ein gezeichneter Briefwechsel zwischen ihm und dem Steglitzer Zeichner F.W. Bernstein. Es heißt „Die korrigierte Weltgeschichte“.

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