Kultur : Pointen pusten

Klangfarbenmeisterschaft: das Neujahrskonzert von Weltblech im Kammermusiksaal.

Blechbläser-Ensembles haben keinen leichten Stand: Nicht nur das überschaubare, wenig innovative Repertoire drängt sie in die Rolle des „Männerchors“. Auch Assoziationen mit Marschkapellen und Hobby-Big-Bands tun ihrem Image keinen Gefallen. Umso erfreulicher, wenn das multinationale Ensemble Weltblech bei seinem alljährlichen Neujahrskonzert im Kammermusiksaal alle Klischees über den Haufen wirft. Müheloser als unter dem Motto „Tanz“ lassen sich 350 Jahre Musikgeschichte, die das Programm „No Strings Attached“ umfasst, auch kaum auf einen Nenner bringen.

Was in mitreißenden Latinolé-Tanznummern endet, beginnt gesittet und ein wenig steif mit Henry Purcells Suite aus seiner Semi-Oper „The Fairy Queen“. Was hier interpretatorisch an Temperament fehlt, wiegt die schiere Brillanz und Schwerelosigkeit des Spiels (selbst der behäbigen Tuba) gleich mehrfach auf. Wie Schmetterlinge flattern die Barockmotive und Verzierungen aus den Trichtern, die Tonansätze sind weich, die Intonation perfekt. Entlang der Tonalitäts-Peripherie wandert Weltblech mit André Previns achtteiliger Komposition „Triolet“. In diesem Patchwork stilistischer Versatzstücke findet – außer einer kompositorischen Handschrift – fast alles Platz: von jazzigem Trompetenschmettern über ruhige Stimmungsmalereien à la Britten bis hin zu wirkungsvollen Legierungen, so etwa der gedämpften Trompete mit der Tuba, die in vehementen Registersprüngen das Geheimnis ihres klangfarblichen Reichtums preisgibt.

Steil steigt die Stimmungskurve erst in der zweiten Programmhälfte an. Den Spaß, den der junge Charles Ives 1891 in seinen humoristischen „Variations on America“ für Orgel hatte, spitzen ironische Noten und pointierte Charakterstudien einzelner Instrumente im Arrangement von Eric Crees noch zu. Endgültig beseitigt das neue Weltblech-Auftragswerk „No Strings Attached“ von Lorenz Raab die Distanz zwischen Ensemble und Publikum, spätestens wenn sich Shawn Grocotts intimes Posaunensolo über den schillernden Klangteppich und den zärtlich hypnotisierenden Marimbafon-Puls erhebt. Danach ist kein Halten mehr. Der Zugabenkoffer wird bis aufs letzte Stück geleert. Barbara Eckle

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