Kultur : Poker in Halberstadt

Gerwin Klinger

Stolz, ja Begeisterung herrscht vor, als das Berend-Lehmann-Museum für jüdische Geschichte und Kultur am 23. September 2001 mit einem Festakt eröffnet wird. Salomon Korn vom Zentralrat der Juden Deutschlands würdigt das neue Institut in Halberstadt als sinnstiftenden Bezugspunkt für "die jüdische Gemeinschaft in Deutschland". Zugleich drängt er darauf, dieses Haus mit anderen Orten jüdischer Erinnerung in Sachsen-Anhalt unter dem gemeinsamen Dach einer Landesstiftung abzusichern.

In dieser Stunde der deutsch-jüdischen Zuversicht mag niemand glauben, dass die Unternehmung auf schwankendem Grund errichtet sein könnte. Schließlich verfügt das Museum über alle Voraussetzungen, um ein Schmuckstück des verschlafenen Provinzstädtchens werden zu können.

Untergebracht in einem sorgfältig restauriertem Fachwerkhaus inmitten des historischen jüdischen Viertels; bestückt mit einer Ausstellung über den Aufstieg und Untergang der jüdischen Gemeinde Halberstadts und ihres Patrons Berend Lehmann, eines bedeutendsten Hofjuden im 17. Jahrhundert. Dazu eine Präsentation, die durch raffinierte Ästhetik besticht und selbstbewusste Anleihen beim Washingtoner Holocaust Museum macht.

Auch eine breite Trägerschaft ist vorhanden. Der Anstoß zur Museumsgründung war durch Rafael Nussbaum erfolgt, der als jüdischer Bürger vor den Nazis aus Halberstadt fliehen musste. Nach der Wende hat der Emigrant das Gelände und die Gebäude rund um die zerstörte Synagoge gekauft. Er will ihre tradionsgemäße Verwendung sicherstellen, bringt sie als Gründungsvermögen in die Moses-Mendelssohn-Akademie (MAA) ein: eine Stiftung bürgerlichen Rechts, die seit 1995 Bildungsarbeit betreibt und auch das jüdische Museum plante. Die Stadt gab Geld zur Restaurierung der Gebäude, das Kultusministerium spendiert seit 1998 Projektmittel, finanzierte die erste Ausstellung mit 300 000 DM. Ein Paradebeispiel für Public-Private-Partnership.

Doch ein Vierteljahr nach der Eröffung, bei der sich Sachsen-Anhalts Kultusminister Gerd Harms sowie Halberstadts Bürgerschaftsvertreter und der MAA-Vorsitzende, der Historiker Julius Schoeps, noch so optimistisch äußerten, geht bereits ein Riss durch das Prestigeprojekt. Seine Träger, die Stiftung und das Magdeburger Kultusministerium, attackieren sich in der Presse. Anfang Januar avisiert Gründungsdirektor Schoeps öffentlich, das BLM stehe im Februar vor dem Aus: "Ein fatales Signal." Das Land sehe keine Möglichkeit, "auch nur mit geringen Mittel den dauerhaften Betrieb des Museums zu sichern". Stattdessen schlage der Minister vor, "das Museum möge seine Personal- und Sachkosten selbst erwirtschaften". Die philosemitische Intention der Unternehmung scheint sich umzukehren.

In der Behörde wiederum beeilt man sich klarzustellen, dass dieses Museum wie zuvor in drei Planungsjahren mit 90 000 Euro an Projektmitteln gefördert werde, nur dürfe dieses Geld aus haushaltsrechtlichen Gründen nicht an das Stiftungspersonal gezahlt werden. Der kooperative Konsens ist geplatzt.

Niemals ohne Rückschein

Beide Seiten bekunden Gesprächsbereitschaft, tatsächlich bestimmen aber kleinliche Vorwürfe und Animositäten die Tonlage. Ministeriumsbriefe erreichen das Museum nur auf Umwegen, weil sie an alte Adressen gehen; Direktor Schoeps wiederum sieht sich gezwungen, Briefe nach Magdeburg "nur noch per Einschreiben mit Rückschein" zu senden.

Vorderhand scheint es gar nicht ums Geld, sondern lediglich um eine Formalie zu gehen: Tatsächlich bewilligt der Minister Fördermittel in unveränderter Höhe, doch hatte die Museumsstiftung bislang auf Grund einer Ausnahme-Regelung mit 65 000 Euro ihre zwei angestellten Mitarbeiterinnen aus den Projektmitteln finanzieren dürfen. Nun pocht das Land auf sein Haushaltsrecht und den vom Stiftungsvorstand unterschriebenen Zuwendungsvertrag: Danach ist diese Ausnahmeregelung, zur Entwicklung eines Finanzierungskonzepts, bis Ende 2001 befristet. Die Stiftung habe sich verpflichtet, nach dieser Übergangsphase das Museum 15 Jahre lang aus eigener Kraft zu bewirtschaften. Bei der Stiftung wiederum pocht man auf jene Verpflichtungen, die das Land mit der Museumsgründung eingegangen sei, sowie auf ein Versprechen des Ministers, die Institution in "trockene Tücher" zu bringen. Trotz des Zuwendungsvertrages sei den Ministerialbeamten klar gewesen, dass ein neues Finanzierungskonzepte her müsse, da ein Museum ohne Personaletat nicht zu betreiben sei. Wozu dann noch Projektmittel?

Die Fronten verhärten sich. Der amtliche Verweis auf vertrags- und haushaltsrechtliche Bestimmungen läßt Julius Schoeps grundsätzlich zweifeln: "Mein Eindruck ist, das Museum wird überhaupt nicht gewollt." Dass selbst ministeriales Wohlwollen ans Haushaltsrecht gebunden sei, vermag er nicht zu glauben. Eher schon, dass sich flugs ein haushaltsrechtliches Hindernis einstellt, wo der politische Wille fehle.

Kultusminister Harms wiederum zweifelt am Kooperationswillen der Gegenseite. Die Finanzprobleme habe Schoeps schon im September absehen können. "Entweder man ist dort naiv oder weiß sehr genau, was man tut", sagt der Minister. Schoeps sei erst zum Jahresende brieflich an ihn herangetreten und fast zeitgleich an die Presse gegangen. Harms sieht sich durch eine Drohkulisse politisch unter Druck gesetzt. Die Zuspitzung liegt auf der Hand: Eine für Februar annoncierte Schließung würde in der Hochphase des Landtagswahlkampfes für Wirbel sorgen, in einem Land, das den Schatten einer starken rechtsextremen Wählerschaft loswerden möchte. Schließlich geht es um das Erbe einer Stadt, in der einst eine der kulturell fruchtbarsten jüdischen Gemeinschaften Deutschlands zu Hause war.

Deutsch-jüdische Heimatlosigkeit

Was auf den ersten Blick wirkt wie das Abfeuern geschichtspolitischer Kanonen auf haushaltrechtliche Spatzen, speist sich aus grundverschiedenen Auffassungen von Politik und Legitimation; kein Zufall, dass die Vertreter beider Sichtweisen sich gerade an der Frage eines Jüdischen Museums verkeilen. Harms will eine klare haushaltsrechtliche Regelung und beharrt damit auf ordentlichem Verwaltungshandeln.

Schoeps wiederum legitimiert sich aus dem historischen Auftrag, als Sachwalter einer "heimatlos gewordenen deutsch-jüdischen Geschichte": eine moralische Position vor dem Hintergrund von Auschwitz, die sich nicht in das Verwaltungsschema einer Behörde fügt. Julius Schoeps leitet das Moses-Mendelssohn-Zentrum am Potsdamer Neuen Markt; er hätte außerdem gern das gegenüberliegende, im Vorjahr eröffnete Haus der Brandenburgisch-Preußische Geschichte unter seine Fittiche genommen, er hat sich in den letzten Jahren zudem in Berlins Jüdischer Gemeinde politisch engagiert, ja eine Zeitlang für deren Vorsitz kandidiert. Er gilt als umtriebiger Organisator deutsch-jüdischer Geschichtsprojekte und weiß die politische Brisanz des komplexen Stoffes im Interesse seiner Unternehmungen zu nutzen. Schoeps spricht die Sprache des historisch-maralischen Anspruchs, nicht die behördlicher Antragsprosa: "Es gibt doch keine deutschen Juden mehr. Die Juden in Sachsen-Anhalt sind russische Juden und haben mit dieser deutsch-jüdischen Geschichte nichts zu tun. Ich fordere, dass die deutsche Umgebungsgesellschaft sich dieser heimatlosen deutsch-jüdischen Geschichte annimmt und sie als ihre eigene betrachtet."

Ein Museum zur jüdischen Geschichte ist nicht nur nach der Logik einer Kita zu verwalten. Das weiß man seit dem peinlichem Gezerre um Berlins Jüdische Museum, das mit der Herauslösung des Instituts aus der Kulturbürokratie endete. Auch in der Hauptstadt hatte die Verwaltung von ihrem ersten Museumsdirektor Amnon Barzel erwartet, dass der Jude mit den weltweiten connections sich einen Löwenanteil seines Etats bei betuchten Freunden selbst besorgen könnte.

Sobald das aber nicht funktioniert und das Haushaltsrecht mit dem historischen Auftrag kollidiert wie jetzt in Halberstadt,wird jeder Dissens zum Poker um Stil- und Status-Fragen: Wer muss bei wem anklopfen, wenn doch beide Seiten das Finanzproblem kennen? Wer ist ebenbürtiger Gesprächspartner? Schoeps will nicht selbst im Ministerium erscheinen, wenn ihn statt des Ministers nur ein Staatssekretär erwartet. Verwaltungsdenken gleitet da ab ins Beckmesserische, der Geschichtsanspruch eskaliert zur Anmaßung. Zerrieben wird in diesem Streit zwischen der Stiftung und dem Ministerium das auf Public-Private-Partnership vertrauende Engagement Rafael Nussbaums und seiner Erben. Von dieser Seite wurden - Personalkosten der Anfangsjahre eingerechnet - mehr als eine Million Mark eingebracht, das übersteigt die Zuwendungen des Landes. Immerhin ist vor wenigen Tagen endlich ein Gespräch im Kultusministerium zu Stande gekommen: Eine kurzfristige Lösung sei in Sicht, heißt es, die langfristige solle erarbeitet werden. Erst der öffentliche Eiertanz befördert offenbar die nötige Geschmeidigkeit. Doch Rafael Nussbaum hatte sich das wohl anders vorgestellt.

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