Kultur : Polarlichter

Zum Tod von Astrid Varnay und Ingrid Bjoner

Christiane Tewinkel

Zwei Wagner-Sängerinnen, und der Tod am gleichen Tag. Ihre Lebensläufe haben viele Parallelen. Astrid Varnay und Ingrid Bjoner fanden schon früh zur Musik, Bjoner als Tochter einer musikbegeisterten norwegischen Familie, Varnay als in Stockholm geborenes, in den USA aufgewachsenes Kind ungarischer Eltern. Wie aus dem Schlachthaus, erzählte Varnay einmal, habe es in ihrer Jugend aus jenem New Yorker Nachbargebäude getönt, in dem Gesang unterrichtet wurde. „Da wusste ich: Das kann ich besser.“ Von der Mutter, einer Koloratursopranistin, erhielt sie den ersten Unterricht; bald wechselte sie zu dem Gesangspädagogen und Wagnerkenner Hermann Weigert, den sie 1945 heiratete. Als Varnay 1941 an der Met für Lotte Lehmann einsprang, begann eine glänzende Karriere.

Lange blieb die Sopranistin auf Wagner spezialisiert. Zehn Jahre blieb sie an der Met, 1951 kam sie als erste Amerikanerin ins Bayreuth der Nachkriegszeit, wohin Wieland und Wolfgang Wagner sie auf Empfehlung Kirsten Flagstadts engagierten. Auch für die 1928 geborene lyrisch-dramatische Sopranistin Bjoner setzte sich Flagstadt damals ein. Anfang der 1950er Jahre sorgte sie dafür, dass Bjoner, die in Oslo als Pharmazeutin arbeitete, Gesangstunden zu nehmen begann.

Dem Grünen Hügel blieb Varnay fast 20 Jahre lang treu. 1952 holte man sie außerdem ins Ensemble der Bayerischen Staatsoper. Nach der hochdramatischen Zeit wechselte Varnay, die längst in München lebte, ins dunkler timbrierte Charakterfach. Wieland Wagners Wort „Was brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich Astrid Varnay habe!“, der außergewöhnlichen Bühnenpräsenz Varnays geschuldet, komplementiert ihre eigene Einschätzung, dass ihre Stimme weder die Schönheit einer Anna Tomowa-Sintow noch die Klarheit einer Birgit Nilsson habe. Mit eiserner Gesundheit begabt, hatte Varnay „von der Natur eine robuste Stimme mitbekommen“, wie sie sagte. Die Strategien des hektisch gewordenen Marktes blieben ihr, die sich in München auch als Pädagogin engagierte, stets fremd. Auch Bjoner unterrichtete, zuletzt in Oslo, und auch sie betrachtete Geduld und das Wissen um die eigenen Grenzen als unabdingbar: „Wenn Sänger sich kaputt machen, weil sie zu früh die großen Sachen singen, sind sie selbst dran schuld.“ Am Montag starben Astrid Varnay mit 88 Jahren, Ingrid Bjoner im Alter von 78 Jahren.

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