Kultur : Politik als Versteckspiel

CHRISTOPH FUNKE

"Fontane & Fontane" im Potsdamer Schloß-TheaterVON CHRISTOPH FUNKEGeschichte wollte er erleben, beschreiben und auch als eine Art Versteck nutzen.Theodor Fontane hat mit Politik gespielt, und er hat sie benutzt, ganz schlicht auch, um seine Existenz fristen, die Familie ernähren zu können.Sieht man sein Leben vom Ende her, so könnte es scheinen, er habe überall und immer nur nach Material für die Romane und Erzählungen der Reifezeit gesucht.Diesem besessenen Geschichts-Spieler suchen die Schauspieler Thomas Bading und Daniel Morgenroth in dem von Peter Hahn ausgewählten Programm "Fontane & Fontane" nahezukommen.Von der "Märkischen Allgemeinen" präsentiert, hatte das Dialogstück im Potsdamer Schloß-Theater seine Premiere.Ein Spiel um den "richtigen" Fontane? Es findet kein Zerreißen einer einzigartigen Persönlichkeit statt, aber ein hintergründiger Wettbewerb um Ansichten und Absichten, die ganz verschiedenen Temperamenten dieser Persönlichkeit zuzuordnen sind.Thomas Bading ist der leicht verstruwwelte Optimist, der Schnelle, Fröhliche mit der hellen Stimme, Daniel Morgenroth der penibel Bedächtige, Bedenkliche, Gründliche mit dem dunklen Organ.Jeder von ihnen von Kopf bis Fuß ein Fontane, wie er im Buche steht.Aber in welchem? Die Schauspieler entwerfen ein Leben, freundlich und spitzig, mit vielerlei Texten des Schreibers, mit Kommentaren, Gedichten und Liedern, die Christoph Schambach durchsichtig, gescheit, wirkungssicher vertont hat.Sie agieren an Schreibtisch und Stehpult, werfen sich in Positur, gehen das Treppchen zum Orchestergraben hinunter und zum Publikum auf die Vorbühne, spielen Szenen, bringen Anekdoten, Berichte, Späße ins Körperliche.Immer ganz leicht, wie nebenbei, plaudernd und das Plaudern klug bedenkend, Fontane spielend und aus der Rolle fallend.Bading und Morgenroth machen eine Gedankenwerkstatt auf, in der eine angenehme Atmosphäre geistiger Wachheit und Beweglichkeit herrscht.Im Mittelpunkt des Programms stehen die "unechten Correspondencen" aus der "Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung", für die Fontane ein Jahrzehnt lang, von 1860 bis 1970, schrieb.Erst seit zwei Jahren sind diese in Berlin verfaßten und aus vielen Quellen geschöpften, aber mit der Ortsangabe London versehenen Berichte wieder verfügbar.Fontane präsentiert preußisches Bewußtsein bis hin zum Rausch, er kultiviert konservative Gesinnung mit geradezu parodistischem Eifer.Die Berichte werden im Dialogstück aufgebrochen durch die Selbstkritik Fontanes, durch seine mannigfachen Bemühungen, dem eigenem Verhalten, den eigenen Entscheidungen Mäntelchen umzuhängen, sie zu schützen und zu verbergen.Mensch ist eben Mensch, meint der Dichter.Bading und Morgenroth sparen sich diese Wahrheit bis zum Schluß ihres zweistündigen Abends auf und ernten jubelnden Beifall.

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