Kultur : Politik der kleinen Preise

Internationale Nachfrage bei Lehr in Berlin

Michaela Nolte

Obwohl das Berliner Auktionshaus Lehr zu den kleineren zählt, erfreut es sich – nicht zuletzt dank seiner starken Internet-Präsenz – weltweiter Strahlkraft. Anlässlich der Herbstauktion war diese im voll besetzten Saal ebenso auszumachen wie bei den zahlreichen Telefonbietern. Nur die insgesamt 66 Horst-Janssen-Lose nutzte das Publikum für eine verlängerte Pause. Bis auf zwei Dutzend Liebhaber leerte sich der Saal, die die Offerte mit Zuschlägen zwischen 100 und 5500 Euro unter sich ausmachten.

Zur zweiten Halbzeit fanden sich dann alle wieder ein, kamen doch nun die Filetstücke unter den Hammer. Heiß umworben war Béla Kádárs „Hafenszene mit weiblicher Figur“. Auf 7000 Euro war die naiv-surreale Papierarbeit geschätzt, die sich ein Münchener Sammler gegen internationale Konkurrenz für 13000 Euro sicherte. Als Spitzenlos behauptete sich Ernst Ludwig Kirchners „Kopf Ludwig Schames“. Veranschlagt war die Inkunabel des expressionistischen Holzschnitts mit 24000 Euro. Ein Schweizer Sammler setzte sich schließlich mit 40000 Euro durch. Ebenfalls in die Schweiz gehen Erich Heckels „Mädchen mit hohem Hut“ sowie Ernst Noldes „Selbstbildnis“, die mit 6500 respektive 7500 Euro leicht über die jeweilige Taxe stiegen. Rang zwei bei den Zuschlägen belegt Rudolf Bauers „Larghetto III“. Die 1919 entstandene Abstraktion weckte vor allem in den USA Begehrlichkeiten, wo Bauer nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland bis zu seinem Tod 1953 lebte und 200 seiner Werke zur Sammlung Solomon R. Guggenheims gehören. Für 28000 Euro ging sie dann auch an einen Telefonbieter aus San Francisco.

Bei einer Verkaufsquote von 84 Prozent ging die Politik der kleinen Preise einmal mehr auf und sorgte zudem für diverse Überraschungen. Eine Strandszene des Elsässers Lucien Adrion verdoppelte ihre Taxe auf 9000 Euro, und zwei tschechische Kombattanten im Saal steigerten Josef Váchals „Erscheinung eines Engels“ von 750 auf beachtliche 4000 Euro. Mit insgesamt 810000 Euro konnte Lehr das Frühjahrsergebnis leicht verbessern.

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