Kultur : Politik & Verbrechen

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Harald Martensteinüber

die Schwierigkeit, die RAF auszustellen

In Berlin wird für 2004 eine Ausstellung über die RoteArmee-Fraktion geplant, die RAF. Es gibt schon jetzt eine Menge Streit, weil in einem Ausstellungskonzept der Satz stand: „Welche Ideen, Ideale haben ihren Wert durch die Zeit behalten und können nicht als naiv abgetan werden?“ Oh, da war sicher eine ganze Menge. Die RAF hatte ganz bestimmt eine Menge zeitloser Ideale. Das ist immer so. Aus welchen Gründen werden Verbrechen begangen? Aus Leidenschaft, aus Geldgier, oder wegen wertvoller Ideale.

Die Revision des Versailler Vertrages (Nationalsozialismus), das Ende von Ausbeutung und Unterdrückung (Stalinismus), ein Ende der weltweiten Dominanz der USA (Osama bin Laden) – das sind alles Ideen oder sogar Ideale, die nicht naiv sind und legitim, ob man sie teilt oder nicht. An solchen Ideen ist nichts Verbrecherisches. Man darf sie aber nicht loslösen von den Mitteln, mit denen sie verfolgt werden, man darf sie nicht isolieren von den anderen Zielen, die eine Bewegung vertritt.

Es wäre also eine Kleinigkeit, bei der RAF Ideale zu finden. Aber Historiker arbeiten nicht so. Anwälte arbeiten so. Sie suchen nach Material, das ihren Klienten entlastet. Der Historiker hat aber keinen Klienten.

Die Ausstellungsmacher sind an ihr Projekt mit der falschen Haltung herangegangen. Sie wollten etwas beweisen. Historiker haben zwar ein Erkenntnisinteresse – Wie war es? Wie ist es dazu gekommen? Was bedeutet es für uns Heutige? –, aber sie sind nicht Partei. Sie sind keine Moralisten oder Politiker. Parteilichkeit kann sogar dann schädlich sein, wenn es eine Parteilichkeit für die moralisch meist richtige Seite ist, die der Opfer. Parteilichkeit malt schwarz und weiß, die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Den Kolonialismus hat man seit den 60-er Jahren in ausnahmslos schwarzen Farben gemalt. In letzter Zeit sehen es etliche Historiker differenzierter, ohne deshalb Verteidiger der kolonialistischen Verbrechen zu sein.

Der Historiker interessiert sich durchaus für die Ideen einer historischen Bewegung, egal, ob sie kriminell war oder nicht. Sein Ziel ist es aber nicht, den „Wert“ dieser Ideen zu untersuchen, sondern ihre Bedeutung – für das, was damals passiert ist, und für das Heute. Warum war die RAF so attraktiv für viele deutsche Intellektuelle? Warum ist sie eine Art Mythos geworden? Um darauf eine Antwort zu finden, kann es notwendig sein, sich der Faszinationskraft des Forschungsgegenstands versuchsweise auszusetzen.

Beim gegenwärtigen Stand der öffentlichen Erregung ist es so gut wie ausgeschlossen, dass eine Ausstellung zum Thema RAF die Position der Opfer ausblendet oder in eine Verharmlosung mündet. Die Gefahr kommt eher aus der entgegengesetzten Richtung. Wenn eine Ausstellung lediglich zeigt, dass die RAF Verbrechen begangen hat und zu verurteilen ist, wenn sie Faszination und Mythos ausblendet – dann wird sie auf der sicheren Seite sein und hat von „Bild“ nichts zu befürchten. Aber eine solche Ausstellung braucht niemand.

Wie kann, wie soll eine Ausstellung über die RAF aussehen? Dazu bringt der Tagesspiegel Beiträge von Kulturkritikern, Essayisten und Politikern. Den Auftakt machte am Sonnabend der Filmemacher Andres Veiel. Als Nächster folgt Berlins früherer Kultursenator, der Historiker Christoph Stölzl.

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