Politikverdrossenheit : Das schwarze Loch in der Mitte

Abschalten, aufwachen, ankreuzen. Die postmoderne Politikverdrossenheit ist besser als ihr Ruf. Vor 200 Jahren hat sich bereits Hegel darüber mokiert, welche Anstrengungen damals (englische) Möchtegern-Parlamentarier unternehmen mussten, um ihre Basis auf die Wahl und sich selbst einzuschwören.

Wolfgang Fach

Bald ist es wieder so weit. Es wird gewählt! Wir sind das Volk und üben auf diese Weise unsere Macht aus. Wahlen sind daher „Höhepunkte der großen Politik“ (Carl Schmitt), dramatische Momente, in denen es ums Ganze geht. Sollte man jedenfalls meinen. Doch von dem Drama ist kaum etwas zu spüren. Eigentlich beschränkt es sich auf einen ganz kleinen Kreis und erfasst gerade mal jene, die gewählt werden wollen. In ihren Zirkeln herrscht hektische Aktivität, und nervöse Gereiztheit macht sich breit. „Stell dir vor, es ist Wahl, und keiner geht hin“ – der Gedanke an den demokratischen GAU scheint ihnen heute schon den Magen umzudrehen. Während die Wahlberechtigten gleichmütig darauf zusteuern, wenngleich sehr langsam und keineswegs geradlinig.

Dass die Wahlberechtigten überhaupt, und dann auch noch richtig, wählen – diese „abgeordnete“ Doppelsorge ist keineswegs der allerneueste Reflex auf eine postmoderne Politikverdrossenheit. Vor 200 Jahren hat sich bereits Hegel darüber mokiert, welche Anstrengungen damals (englische) Möchtegern-Parlamentarier unternehmen mussten, um ihre Basis auf die Wahl und sich selbst einzuschwören. Ohne Bier, Braten und bunte Bänder war den bockigen Bürgern das kostbare Kreuzchen nicht abzuringen. Seine Erklärung fürs gemeine Desinteresse: Je mehr wählen dürfen, desto weniger zählt die einzelne Stimme. Was aber nicht zählt, lässt man sich bezahlen. Das klingt sehr modern (rational choice). Auch die Beobachtung, dass Politiker für Unterstützung Unterhaltung liefern müssen, hat nichts von ihrer Aktualität verloren: Wenn „Steinmeier kommt“ oder „Merkel spricht“, dann reicht das allein nicht aus, um Marktplätze zu füllen.

Ist man die eine Sorge (gewählt zu werden) los, wartet schon eine andere: Wer sich als Diener des Volkes fühlen darf, hat keine Ahnung, welche Dienste eigentlich von ihm erwartet werden. Soll er dafür eintreten, dass Opel weiterleben darf? Haben ihn seine oder gar alle Wähler damit beauftragt? Einerseits überwältigt die Zustimmung, Arbeiter zeigen sich erleichtert, Betriebsräte applaudieren, Experten spenden Beifall, selbst der politische Gegner signalisiert Einverständnis. Andererseits hat dieser Fall auch den Freiherrn von und zu Guttenberg lanciert, der als junger Ritter aus Franken das Hohelied des freien Marktes sang, Opel kaltschnäuzig dem Schicksal überlassen wollte und seither als politischer Übermensch gilt.

Was will nun das Volk? Alle stochern da im Nebel. Wenn 51 Prozent oder 66 Prozent oder auch 99 Prozent mich gewählt haben – welchen Reim soll ich mir darauf machen? Man hat das abstimmende Volk mit einem schwarzen Loch verglichen und die Lage der Politik mit einem Segelboot, das bei Windstille auf Kurs bleiben soll.

Und die Guttenberg-Blase? Verbirgt sich dahinter nicht ein ganz anderer Zusammenhang: Dass sich das Volk politisch erhitzt, sobald die öffentliche Bühne – statt von „Windbeuteln“ (Max Weber) beherrscht zu werden – stramme Charaktere präsentiert, mit einem Faible für straffe Führung? Der Silberstreif am Horizont also? Oder doch nur die modische Superstar-Hysterie? Gegen voreilige Hoffnungen wappnet der gesunde Menschenverstand. Zwei Lektionen hält er bereit. Erstens: Menschen, denen es gut geht, haben Besseres vor, als sich um Politik zu kümmern. Ihre Zeit ist voll ausgefüllt mit allerlei privatem Zeitvertreib. Wer morgens Golf spielt, mittags Geld scheffelt und abends Gras mäht, hat keine freie Minute für weitere, geschweige denn öffentliche Belange. Wem es aber, zweitens, dreckig geht, weil er am Hartz IV-Tropf hängt oder sich sonst wie mühsam durchs Leben schlagen muss, der hat ganz andere Sorgen. Ihn treibt nicht das Schicksal des freien Marktes um, sondern sein ureigenes und sonst gar nichts.

Reich und Arm sind sich darin ähnlich, dass sie politisch abschalten – mit ihnen ist kein Staat und erst recht keine Partei zu machen. Damit fallen gerade jene Stimmbürger als Wahlvolk aus, deren Kreuze halbwegs verständliche Signale liefern würden (Westerwelle weiß, was Golfer wollen). Als Aktivposten bleibt, einmal mehr, das juste milieu – Mittelschichtmenschen, deren Lebensplan von nichts Außergewöhnlichem umgetrieben wird. Diese Leute wissen, wie sie ihr Geld verdienen und ausgeben sollen, sind also beide Existenzsorgen los und haben daher freie Valenzen, auch für politische Spiele.

Wenn überhaupt, dann geht hier etwas ab. Am nahen Horizont taucht eine derivative Demokratie auf, das fehlende Stück in unserer „Welt der Derivate“ (Ralf Dahrendorf). Die Wahl als Wette: eine (ganz) neue politische Ökonomie. Wer darauf wettet, dass der Wirtschaftskreislauf seines Volkes abstürzt, kann gewinnen, Elend hin oder her. Das Spiel macht bekanntlich Spaß und erzeugt Spannung. So ähnlich scheint jener demokratische Charakter zu ticken, um den sich heute immer mehr dreht: der mittelständische Wechselwähler. Er erwacht tatsächlich, wenn Wahlen rufen, freilich erst im allerletzten Augenblick und dann nicht, um für Bewerber zu stimmen – er setzt auf Kandidaten. Für solche Spieler, niemanden sonst, führen ARD und ZDF ihren wahlabendlichen Hochrechnungszirkus auf (erregend wie die Ziehung der Lottozahlen).

Dass einer unter ihnen vielleicht Sozialdemokrat ist, macht aus ihm noch lange keinen Stammwähler, genauso wenig wie ein Hertha-Fan aus purer Anhänglichkeit immer auf den Sieg seiner Mannschaft tippt. Nicht von ungefähr versagt bei dieser Wanderkundschaft jede Meinungsausforschung. Vermutlich, weil ihre Techniken nach altmodischen Substanzen fahnden. Das schwarze Loch: Hier hat es seinen schwärzesten Fleck.

Gerade jetzt will die führende deutsche Wochenzeitung herausgefunden haben, dass alles ganz anders und bei Weitem nicht so kaputt ist; prominente Experten springen ihr bei. Unser Land, heißt es, sei übersät mit Orten, an denen authentisch politisiert wird, wo also Wahlen mehr sind als aufregender Zeitvertreib und Lotterie. „Fast ein Drittel der erwachsenen Deutschen diskutiert am Stammtisch – weit weniger dumpf, als mancher glaubt. Leider hat die Politik den Kontakt zu ihnen verloren.“ Eine vitale Republik der Stammtische also, deren Diskurse, in den Wind des Parteienbetriebs gesprochen, für erste freilich ungehört verhallen. Die alte Politik bei Bier und Braten (und manchmal auch bunten Bändern) wäre wieder auferstanden, diesmal im Geiste der Selbstaufklärung?

Misstrauisch macht, dass ausgerechnet Hegel, wiewohl Volksverächter bis ins Mark, Hinz und Kunz liebend gerne ausreden lassen wollte – so lange wenigstens, wie sich das Gerede auf Themen konzentriert, deren Komplexität den gemeinen Menschenverstand intellektuell nicht überwältigt. Dann kann man sogar etwas lernen, denn Stammtischbrüder sind ausgefuchste Experten in eigener Sache und Umgebung: Eine Kita gehört her, der Autoverkehr gehört weg, Opel muss bleiben, die Moschee muss verschwinden, dem einen Nachbarn geht es schlecht, dem anderen zu gut, und nichts geht über eine gute Currywurst. Da lassen sie sich kein X für ein U vormachen, schon gar nicht von denen „da oben“.

Doch wie stellen Politiker den Kontakt zum Bodenpersonal wieder her (falls es ihn je gegeben hat)? Sicher, diese Leute wissen am besten, wo sie der Schuh drückt. Doch Volksvertreter, die ihre Zeit damit verbrächten, das unendliche Register schmerzender Druckstellen abzuarbeiten, würden zu Verwaltern eines nationalen Kummerkastens mutieren und besser heute als morgen abdanken. An Stammtischen darf deswegen ausgeredet werden, weil niemand hinhört.

Was soll man dazu sagen? Die Dinge sind, wie sie sind. Daran ändert kein Idealismus etwas, weder der des Stammtischs noch irgendein anderer. Ganz im Gegenteil. Je höher ein Ideal fliegt, desto schlechter darf das Leben sein. Früher sind Könige gestorben, und ihre Herolde haben gerufen: Vive le Roi!

Der Autor lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Uni Leipzig. Zuletzt erschien von ihm „Das Verschwinden der Politik“ (Edition Suhrkamp, 2008).

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