Politische Entschuldigung : Die Kulturgeschichte des Sorry-Sagens

Er muss sich entschuldigen!", lautet die allseitige Forderung, wenn Politiker stolpern und Gewerkschaftler stürzen, wenn Rockstars koksen und Sportler dopen. Eine kleine Kulturgeschichte über Kniefall und Canossa.

Jens Mühling
wolfgang clement
Geste der Macht. Wolfgang Clement gibt sich beschränkt entschuldigungswillig. -Foto: ddp

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Wolfgang Clement will „nicht zur Nichtwahl der SPD aufgerufen“ und auch sonst „nicht gegen Regeln verstoßen“ haben, empfindet aber „Bedauern“ darüber, dass sich seine hessischen Parteifreunde „im Stich gelassen fühlten“ – was freilich nicht in Clements „Absicht“ lag, vielmehr sei es seine Pflicht, „auszusprechen, was ist“.

Oder Frank Bsirske: Nach Los Angeles will der Gewerkschaftschef „im Rahmen der geltenden Regelungen“ geflogen sein, wobei er bloß „die Brisanz unterschätzt“ habe, die der Flug „in der öffentlichen Wahrnehmung ausgelöst“ habe – was zwar „falsch“ gewesen sei, aber wohl nicht falscher als der im gleichen Atemzug beklagte Umstand, dass bei Freiflügen „für Arbeitnehmer und Anteilseigner mit zweierlei Maß gemessen“ wird.

Zwei Glanzstücke rhetorischer Entschuldigungsvermeidung, mit denen es Clement und Bsirske dennoch gelang, fürs Erste jenen öffentlichen Exkulpationshunger zu stillen, den Fehltritte exponierter Mitbürger fast zwangsläufig nach sich ziehen.„Er muss sich entschuldigen!“, lautet die allseitige Forderung, wenn Politiker stolpern und Gewerkschaftler stürzen, wenn Bosse schmieren und Bonzen stehlen, wenn Rockstars koksen und Sportler dopen.

Warum eigentlich? So folgenlos wie beim symbolpolitischen Akt des Sorry-Sagens kommt der Delinquent auf den ersten Blick bei keiner anderen Strategie der Öffentlichkeitsbefriedigung davon. Gerade in der Politik wirkt die Entschuldigung oft wie die billigste Alternative zur Mandatsniederlegung. Sich entschuldigen, das kostet nichts, das tut nicht weh, das bleibt schon rein semantisch folgenlos: Wer sich selbst „ent-schuldigt“, der leistet eigentlich überhaupt nichts, weil Schuld nur von anderen aufgehoben, also vergeben werden kann. Wer ent-schuldigt sein will, muss um Entschuldigung bitten, anstatt sie sich selbst zu gewähren. Streng genommen ist der Akt des Sich-Entschuldigens also schon rein sprachlich ein Täuschungsmanöver – das noch absurder wird, wenn etwa ein Unternehmen sich beim Kunden „für die entstandenen Unannehmlichkeiten“ entschuldigt. Im Wortsinn weist dieser Satz die Schuld den Unannehmlichkeiten zu – in deren Namen sich der Konzern dann selbst von jeder Schuld freispricht.

Offensichtlich bedeutet „sich entschuldigen“ also etwas anderes, als es zu bedeuten vorgibt. Und genau darin liegt für den zu Entschuldigenden das Problem. Wer „sich entschuldigt“, bekennt damit in erster Linie seine Schuld. Gerade in der politischen Auseinandersetzung aber ist das Schuldbekenntnis die wirklich allerletzte Zuflucht, die dem unterlegenen Kontrahenten bleibt. Wer sich entschuldigt, räumt sein finales Scheitern ein – auch, um sich vor weiteren Attacken zu schützen. Nicht nur darin ähnelt das Schuldbekenntnis jener Verzweiflungsgeste, mit der ein im Kampf unterlegener Hund sich vor dem Gegner auf den Rücken wirft und ihm die ungeschützte Kehle darbietet.

Die Spielregeln einer solchen rituellen Selbsterniedrigung verlangen freilich, dass der Kontrahent nun nicht mehr zubeißen darf. Nach diesem Mechanismus können auch politische Entschuldigungsrituale funktionieren – wenn ihre Bedingungen vorab festgelegt wurden. So war es bei Heinrich IV., als er 1077 seinen berühmten Gang nach Canossa antrat: Einer detailliert geplanten Bußchoreografie folgend überquerte der 26-Jährige zu Fuß die Alpen, um auf der Burg Canossa seinem Gegenspieler Papst Gregor VII. gegenüberzutreten, der ihn zuvor im Zorn exkommuniziert hatte. „Hier stand er nach Ablegung der königlichen Gewänder ohne alle Abzeichen der königlichen Würde, ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuß und nüchtern, vom Morgen bis zum Abend“, berichtet Lampert von Hersfeld. „Endlich am vierten Tag wurde er zu ihm vorgelassen und nach vielen Reden und Gegenreden schließlich vom Bann losgesprochen.“

Heinrich hätte den Bußgang kaum auf sich genommen, wenn er sich der Vergebung des Papstes nicht sicher gewesen wäre. Ich biete dir meine Kehle, wenn du nicht zubeißt: Dieser Deal funktioniert in der Politik nur nach vorheriger Absprache. Ist sie nicht gegeben, wird die Selbsterniedrigung zum gefährlichen Spiel: Was, wenn der entschuldigungshalber ermutigte Gegner nun erst recht zubeißt? So verrät die Unfähigkeit vieler Politiker zur unverklausulierten Entschuldigung in erster Linie Angst – Angst vor dem politischen Tod, Angst vor Macht-, Reputations- und Glaubwürdigkeitsverlusten. Qui s’excuse, s’accuse, weiß ein französisches Sprichwort: Wer sich entschuldigt, klagt sich an.

Dieses Dilemma beflügelt denn auch jene schlimmen rhetorischen Verdrehungen, die sich der Leidtragende oft vom Schuldtragenden bieten lassen muss – insbesondere in der Welt der Wirtschaft, in der vorschnelle Schuldbekenntnisse schnell in Schadenersatzforderungen umgemünzt werden. So hieß es etwa im „Entschuldigungsschreiben“ der Lidl-Geschäftsführung an ihre bespitzelten Mitarbeiter: „Wenn Sie sich in Misskredit gebracht und persönlich verletzt fühlen, so bedauern wir dies außerordentlich und entschuldigen uns dafür bei Ihnen.“ Eigentlich unfassbar: Da exkulpiert sich ein Konzern rhetorisch selbst, und zwar nicht für Misskredit und Verletzungen, sondern für die Gefühle seiner Mitarbeiter. Wie sagte schon Nietzsche? „Wenn sich jemand vor uns entschuldigt, so muss er es sehr gut machen: sonst kommen wir uns selber leicht als die Schuldigen vor.“

Das Sündenregister manipulativer Entschuldigungsstrategien ist lang. So kann man eine Entschuldigung zur Schuldzuweisung verdrehen (wie Clement, der lediglich bedauert, dass man ihn missversteht, wenn er „ausspricht, was ist“). Man kann sich unverschuldet schuldig geben (wie jene Sportler, deren tränenreiche Doping-Bekenntnisse den gnadenlosen Leistungsdruck eines korrupten Apparats zur Mitverantwortung ziehen). Man kann Schuld in einem Teilaspekt bekennen, um sie im Hauptaspekt umso vehementer abzustreiten (wie Helmut Kohl, der sich in der CDU-Spendenaffäre für „mangelnde Transparenz“ entschuldigte, um nicht für einen Rechtsbruch um Verzeihung bitten zu müssen).

So schwer sich Amtsträger mit dem Eingeständnis eigener Schuld tun, so gerne und umfassend entschuldigen sie sich meist für Dinge, die andere verschuldet haben. Besonders beliebt: die Entschuldigung für vergangenes Unrecht. Die US-Regierung bedauert das Leiden der amerikanischen Ureinwohner, die australische Führung das der Aborigines, der Papst entschuldigt sich und seine Kirche für Glaubenskriege, Inquisition und Judenverfolgung. Menschen, die nicht für sich, sondern für Institutionen sprechen, entschuldigen sich bei Opfern, die nicht mehr leben, für Taten, die sie selbst nicht begangen haben – und erhalten Beifall von einem Publikum, das sich kollektiv entschuldigt fühlen darf.

Dass Willy Brandts Kniefall in Warschau dennoch als so glaubwürdig empfunden wurde, lag sicher auch daran, dass seine Geste das symbolpolitische Dekor einer materiellen Wiedergutmachung war – eine Entschuldigung als Dreingabe zur Entschädigung.

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa? Auch das liturgische Confiteor der christlichen Kirchen ist ein kollektives Schuldbekenntnis, mit dem sich die Gemeinde gewissermaßen Gottes universelle Vergebungsbereitschaft erkauft. Es befreit jedoch ausdrücklich nicht von der Pflicht zur individuellen Beichte. Herr Clement, Herr Bsirske, wir warten.

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