Politische Kunst in Berlin : Unter Ketten

Die Berliner Galerien KOW und Zilberman zeigen politische Arbeiten von Künstlern aus der Türkei.

Ingo Arend
Spur der Gewalt. Memed Erdeners Gemälde „Conclusion and Then Rationalization“ (2017).
Spur der Gewalt. Memed Erdeners Gemälde „Conclusion and Then Rationalization“ (2017).Foto: Galerie Zilberman

Siegt am Ende immer die Diktatur? Oder bleiben noch Möglichkeiten zum Widerstand gegen Populismus, Rechtsdrift und Unterdrückung? Seit dem Sieg Donald Trumps treibt diese Frage Künstler auf der ganzen Welt um. Wie stark sie schon immer den genetischen Code der Gegenwartskunst aus der Türkei ausmacht, demonstrieren zwei Ausstellungen in den Berliner Galerien KOW und Zilberman.

Memed Erdener ist eine Künstlerlegende

Eine Antwort auf die Frage nach Möglichkeiten des Widerstands liefert Memed Erdener. Man darf sich von der Mixtur aus surrealistischer Verschlüsselung und altmeisterlichem Gestus seiner Ölbilder nicht ablenken lassen. Wer genau hinschaut, erkennt die politische Brisanz. Der verkrüppelte Fuß, den auf dem großen Bild „Conclusion and Then Rationalization“ eine schwarz behandschuhte Hand schwingt, die wiederum aus einem gelben Bulldozer ragt, ist ein deutliches Symbol. Die Maschinerie der Macht walzt alles nieder, was sich ihr in den Weg stellt. Selbst das Gesetzbuch liegt auf dem Kühler in ledernen Ketten.

Memed Erdener ist das, was man gemeinhin eine Künstlerlegende nennt. Der 1970 geborene Istanbuler wurde berühmt mit seinen Comics für die avantgardistische Karikatur-Zeitschrift „Deli“. 1997 gründete er das Projekt mit dem bezeichnenden Titel „Extramücadele/Extrastruggle“. So wie der gelernte Grafikdesigner da mithilfe des Vokabulars des Corporate Design die visuellen Codes von Staat und Nation in seiner Heimat dekonstruierte, hat er türkische Kunstgeschichte geschrieben. Vom Gebrauchs- strebt er nun in der Galerie zum Ewigkeitswert, diesmal unter seinem Klarnamen.

Bei Ahmet Ögüt zwängt man sich durch Polizei-Schilde

Erdener inszeniert seine Wende vom subversiven grafischen Kürzel zur expressiven Klassik mit pastosem Überschwang. Das kleidet den Abscheu vor der Intransigenz der Macht freilich in eine seltsame Erhabenheit. An der auch der SM-Appeal der Bilder nichts ändern kann, mit dem er die Körper der Macht zu obszönen Fratzen entstellt. Wege aus diesem Repressionskomplex deutet Erdener nicht an. In seinem erstmals publizierten Langgedicht „Schönheit des Fanatismus“, das der Ausstellung auch den Titel gegeben hat, schert er alle türkischen Herrscher, vom ersten Osmanen bis zu Recep Tayyip Erdogan, über ein und denselben Leisten. Elf Jahre nur trennen Erdener von seinem Landsmann, dem Künstler Ahmet Ögüt. Der ästhetische Tausendsassa, Jahrgang 1981, lebt heute in Berlin und Amsterdam. Wie ein Komet zieht der ewig gut gelaunte Protagonist einer multimedial ausgefransten Konzeptkunst derzeit seine Bahnen durch die Kunsthallen der Welt, ein Feuerwerk der Ideen versprühend. Wie Erdener macht sich auch das rasende Partykid Ögüt keine Illusionen über die Macht. Schließlich kommt er aus dem kurdischen Diyarbakir. Besucher seiner unmissverständlich „Hotel Résistance“ übertitelten Ausstellung in der Galerie KOW müssen sich, um ins Kellergeschoss zu gelangen, durch zwei Plastikschilde der Polizei zwängen.

Ögut will die Sphäre der Macht aber nüchtern durchleuchten. Etwa, wenn er in einem Video einzelne Occupy-Demonstranten im New Yorker Zuccotti-Park mit seinem Zeigefinger markiert und so die Observationstechniken des FBI nachahmt. Und die Schau wimmelt nur so von Beispielen, ihre Techniken zu unterlaufen. Die Laser-Pointer, mit denen die Protagonisten des „Arabischen Frühlings“ in Kairo Militärhubschrauber lahmlegten, präsentiert er wie Luxury-Goods in einer exklusiven Schatulle. Eine große Einzelausstellung vor drei Jahren in Oldenburg nannte der Künstler programmatisch „Apparatuses of Subversion“ – Apparate der Subversion.

Zwei Ausstellungen, ein Motiv: „Hand of the state“ heißt ein wiederkehrendes Sujet im Werk von Erdener, es zeigt eine klobige Hand mit phallischen Fingern, die aus einem Anzugärmel ragt und nach unten drückt. Es ist die gleiche grausame Hand, die an einem von Ögüts unbekanntem Helden des Widerstands aus Bronze zerrt. Beide Künstler träumen von demselben Land der Gerechtigkeit und Freiheit. Und doch könnte ihr Ansatz nicht unterschiedlicher ausfallen: Fundamentalanklage hier, kaltblütig gewitzte Analyse dort.

Mit den in beiden Fällen erstklassig kuratierten Schauen unterstreichen Zilberman und KOW ihren Anspruch als zwei der ambitioniertesten Programmgalerien. Sie demonstrieren auch, wie sehr Berlin zum Schauplatz der türkischen Kunst-Diaspora und des Dilemmas geworden ist, in dem die politische Ästhetik derzeit überall auf der Welt steckt: zwischen Fatalismus und Widerstand.

Galerie Zilberman, Goethestr. 82; bis 27. 1., Di–Sa 11–19 Uhr / KOW Galerie, Brunnenstr. 9; bis 28. 1., Mi–So, 12–18 Uhr

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