Politische Literatur : Judäa? Zion? Oder doch Israel?

Keine Rückkehr nach 2000 Jahren: Der Historiker Shlomo Sand über den Gründungsmythos Israels und „die Erfindung des jüdischen Volkes“.

Igal Avidan

Das jüdische Volk eine Erfindung, die Juden lediglich eine Religionsgemeinschaft, und nicht die heutigen jüdischen Israelis seien die Nachfahren der früheren Bewohner Judäas, sondern eher die Palästinenser: Der Gründungsmythos Israels, wonach die Juden nach 2000 Jahren der Vertreibung ins moderne Israel heimkehren, sei erfunden, denn eine Vertreibung durch die Römer habe gar nicht stattgefunden.

Weil der Autor dieser Thesen, Shlomo Sand, ein Israeli und dazu noch ein Historiker ist, gerät sein nun auf Deutsch erschienenes Buch zu einem Medienevent, zu einem Skandal gar. Und das, noch bevor es in wenigen Wochen auf Arabisch erscheint und möglicherweise von der Hamas als Beweis dafür herangezogen werden wird, dass Israel als jüdischer Staat kein Existenzrecht hat.

Shlomo Sand will Israel politisch verwandeln in den Staat all seiner Bürger – Juden, Araber, Russen und Atheisten. Dieses Ziel teilen auch andere linksliberale Israelis, wie der ehemalige Chefredakteur der Zeitung „Haaretz“, Hanoch Marmari, der ebenfalls für die Abschaffung des Rückkehrgesetzes plädierte, wonach jeder Jude in seine Heimat Israel „zurückkehren“ darf. Auch Sands heftigste Gegner in Israel, linksliberale zionistische Historiker, lehnen eine solche Debatte nicht ab. Sie werfen ihm jedoch vor, er betreibe eine oberflächliche historische Forschung im Dienste einer antizionistischen Ideologie. Sand kritisiert, dass den Israelis ihr eigenes 2000-jähriges Exil viel schlimmer vorkommt als das viel kürzere Exil der palästinensischen Flüchtlinge.

Das Buch beginnt mit gut geschriebenen persönlichen Geschichten von Sands Verwandten und Freunden, die die verwirrende aktuelle Lage eines jüdischen Staates darstellt, den er als eine „grenzenlose Ethnokratie“ beschreibt, denn er gehört allen Juden weltweit. Dann wechselt er in eine „radikale Befragung der Vergangenheit“ über und endet mit einer Analyse der gefährlichen politischen Situation Israels angesichts der Abgrenzung zu den arabischen Israelis, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen. Sands Road Map endet mit einem Israel, in dem die Araber volle Gleichberechtigung und eine institutionelle Autonomie bekommen.

Sands Exkurs durch 2000 Jahre jüdischer Geschichte ist interessant, vor allem die Passage über die Namenssuche für den 1948 gegründeten jüdischen Staat. Der Name des letzten Königreiches „Judäa“ wurde abgelehnt, man hätte sonst alle Staatsbürger als „Juden“ bezeichnen müssen, auch die Araber. Man schlug also „Zion“ als Staatsnamen vor, den Ersatznamen für Jerusalem, nach dem auch die zionistische Bewegung benannt wurde. Doch in diesem Fall wären auch die arabischen Staatsbürger Zions zu „Zionisten“ geworden. Und so nannte man den neuen Staat „Israel“, trotz des schlechten Rufes des in der Bibel als sündhaft angesehen Königreiches Israel.

Nach wenigen Jahrhunderten und wenigen Seiten wirken Sands Polemik und seine Polemik gegenüber führenden jüdischen Historikern jedoch zunehmend unangebracht. Problematisch ist es etwa, dass Sand die zentrale Rolle des Antisemitismus in Europa als Nährboden für die nationale jüdische Geschichtsschreibung und die zionistische Bewegung nur beiläufig erwähnt. Er zitiert Karl Deutsch, wonach eine Nation eine Gruppe von Menschen sei, die durch eine gemeinsame Abneigung gegen ihre Nachbarn geeint sei. Doch er übersieht, dass gerade diese Ablehnung und die Bekämpfung des zionistischen Projekts durch die arabischen Nachbarn dem jüdisch-israelischen Nationalgefühl Auftrieb verschaffte. Immerhin erwähnt er, dass einige Zionisten in Palästina, sogar Staatsgründer David Ben Gurion, die einheimischen Bauern als Nachfahren der biblischen Juden betrachteten, die erst später Muslime geworden seien. Erst das Massaker vieler Juden durch Araber in Hebron 1929 setzte diesen Verbrüderungsversuchen ein Ende.

Die Erfindung des jüdischen Volkes ist keine jüdische Besonderheit. Am Rande erwähnt Sand, dass auch andere Völker ihre Vorfahren und ihre Mythologie erfanden, um ihre Nation zu bilden. In Israel ist diese Identitätskontruktion gelungen, wo eine eigenständige, aktive Gesellschaft mit eigener Identität entstanden ist, die natürlich eine Existenzberechtigung hat, mit oder ohne Nachweis auf biblische Vorfahren. Dieser Zivilgesellschaft wollen auch die meisten arabischen Israelis angehören, trotz ihrer Benachteiligung. Kaum einer von ihnen sieht seine Zukunft in Palästina. Diese Minderheit verlangt in erster Linie Baugenehmigungen, Arbeitsplätze und ein besseres Bildungssystem und nicht, wie Sand suggeriert und propagiert, die „Entjudaisierung Israels“.

– Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand. Propyläen Verlag, Berlin 2010. 506 Seiten, 24,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar