Politische Literatur : Schlag nach bei Rashid

Der pakistanische Publizist Ahmed Rashid warnt vor Zentralasiens „Sturz ins Chaos“ und erklärt die Rückkehr der Taliban.

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Wer braucht Wikileaks, wenn es Autoren wie Ahmed Rashid gibt? Das Internetportal mag geheime US-Militärakten zu Zehntausenden veröffentlichen – der pakistanische Aufklärer liefert Analyse und Einordnung gleich mit. Wer den Krieg in Afghanistan verstehen will, sollte sich an den 62-Jährigen halten. Wer die Beweggründe der Akteure in der Region erfassen und ergründen will, warum Zentralasien vor dem „Sturz ins Chaos“ und der Westen vorm Scheitern steht, der tut gut daran, zu den Büchern des renommierten Journalisten zu greifen.

Er kennt die Stärken und Schwächen des afghanischen Präsidenten, hat Hamid Karsai zuletzt stark kritisiert, weil er manche Dinge zu lange hat laufen lassen: den Drogenmissbrauch zum Beispiel, und die Korruption. Aber er weiß auch, es gab eine Zeit, zwischen 2002 und 2004, als Karsai im Westen um Geld für den Wiederaufbau bettelte – und nichts erhielt. Die Amerikaner wollten nichts aufbauen, weil sie damit beschäftigt waren, den Krieg im Irak vorzubereiten. Daher, sagt Rashid, rühre ein Gutteil der Wut und Verbitterung Karsais und sein vom Westen häufig beargwöhntes Agieren auf der heimischen Bühne.

Rashid kennt überhaupt alle Protagonisten des großen Spiels am Hindukusch, die allermeisten sogar persönlich. Die Taliban, die Stammesführer, die Geheimdienstler, die Regierungschefs. Einst kämpfte er als Maoist mit der Waffe in der Hand, heute lädt US-Präsident Barack Obama ihn zum Gespräch und lauscht offenen Ohres, wenn er über das Doppelspiel Pakistans und die Fehler der Amerikaner referiert. Pakistan, obwohl offiziell ein Verbündeter im Krieg gegen den Terror und deshalb Empfänger milliardenschwerer Hilfszahlungen, hat es nicht nur immer an Kooperationsbereitschaft fehlen lassen, es hat, im Gegenteil, die Gegenseite überhaupt erst wieder stark gemacht, Taliban ausgebildet, Al-Qaida-Flüchtlinge aufgenommen, Terror exportiert. Und die US-Administration unter Präsident Bush wusste es, sah aber stillschweigend zu. Man interessierte sich fast ausschließlich für Al Qaida, und bekam in Washington kaum mit, oder wollte kaum mitbekommen, wie die Taliban sich auf die Rückeroberung Afghanistans vorbereiteten.

Rashid weiß in klaren Worten über den Krieg hinter dem Krieg zu erzählen, jenem innerafghanischen Machtkampf, der vom Westen kaum wahrgenommen, geschweige denn verstanden wird, weil hier die Schlagzeilen über die internationale Mission im Kampf gegen die Aufständischen alles andere in den Schatten stellen. Worum geht es dabei? Zu Zeiten des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren stiegen die Kriegsfürsten zu mächtigen und reichen Warlords auf, die das Land unter sich aufteilten. Dann kamen die Taliban und vertrieben sie. Doch mit dem Sturz der Taliban durch die USA wurden die Warlords wieder stark, galten als Verbündete der Amerikaner und standen, wie Rashid schreibt, allesamt auf der Gehaltsliste der CIA. Die Warlords kämpften untereinander um die Kontrolle von Zöllen, Drogenhandel und Waffenlagern. Sie drangsalierten die Bevölkerung. Und indem die US-Regierung ihre Herrschaft legalisierte, beging sie einen ihrer fatalsten Fehler: Sie lieferte den Taliban ein propagandistisches Argument, um sich neu zu formieren. Und das taten sie, während sich Amerikas Interesse von Afghanistan ab- und dem Irak zuwandte.

Rashid erweist sich als unparteiischer Beobachter. Enzyklopädisch gebildet. Uaufgeregt, uneitel, aber nicht ohne Eifer wirbt er für seine Mission. Nicht immer hören die Betroffenen gern, was er zu sagen hat. Trost hält er nicht bereit, nur Kritik. Und Anregungen. Das musste auch die Bundesregierung erfahren. Dass sich die Lage in Afghanistan sehr verschlechtert hat, sei auch die Schuld Deutschlands, sagte Rashid dieser Tage in Berlin. Der Wiederaufbau der afghanischen Polizei sei ein Fehlschlag, die deutsche Politik zu verzagt, das deutsche Militär auf Selbstverteidigung beschränkt. Das ermuntere die Taliban.

Sein eigentliches Anliegen aber ist noch ein anderes. Der Westen und die Nato müssen den Krieg beenden. Sie werden das Land verlassen. Ob in einem besseren oder schlechteren Zustand, hängt davon ab, ob jetzt das Richtige getan wird. Und das Richtige wären, so Rashids Plädoyer, Verhandlungen mit den Taliban. Ohne Vorbedingungen. Verhandlungen? Mit den Feinden? Ohne Vorbedingungen? Ja, sagt Rashid. Mit Freunden müsse man nicht verhandeln. Und Vorbedingungen machten Gespräche unmöglich.

Die Taliban sind zu Gesprächen bereit, ist Rashid überzeugt. Sie sind erschöpft, sie kämpfen seit 10, 20 oder 30 Jahren. Sie wollen nach Hause, sie haben es satt, als Flüchtlinge im Ausland zu leben. Und sie haben begriffen, als Lehre aus den 90ern, dass sie kämpfen, aber nicht regieren können: Im Falle ihrer Machtübernahme würden sie von der Internationalen Gemeinschaft vollständig ausgeschlossen werden. Sie würden kein Geld bekommen, Hilfen würden gestoppt, der Wiederaufbau angehalten. Es wird keine Entwicklung geben, die Wirtschaft wird schrumpfen, die Menschen werden wieder vom Hungertod bedroht sein wie vor 2001. Sie würden mithin sehr schnell die Unterstützung der Afghanen verlieren und entweder den Widerstand des Volkes provozieren – oder zum Opfer aggressiver Nachbarn werden, die nur darauf warten, sich Afghanistan einverleiben zu können. Die vernünftigen Taliban-Führer streben deshalb eine Art Partnerschaft und eine Teilung der Macht mit Präsident Karsai an. Der Westen müsste nur Ja sagen. Und sollte das tun, je schneller, desto besser, denn man sollte mit den Alten reden, solange sie noch da sind, sagt Rashid. Die nächste Generation an Taliban-Führern, darunter auch Guantanamo-Zurückgekehrte, werde noch radikaler und ideologischer sein.

Ahmed Rashid: Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban. Aus dem Englischen von Alexandra Steffes und Henning Hoff. Edition Weltkiosk, 340 Seiten, 19,90 Euro.

Taliban: Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch. Verlag C.H. Beck, München 2010. 480 Seiten, 14,95 Euro.

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