Politische Literatur : Spion gegen Spion

Fehleinschätzungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die ganze Historie der Spionage. Die große Unbekannte: Christopher Andrew erzählt die Geschichte des britischen Geheimdienstes MI 5.

Ulrich Schlie
Im Dienste Ihrer Majestät. James Bond, hier dargestellt von George Lazenby im Jahr 1969, hat zwar für den Auslandsgeheimdienst MI 5 gearbeitet – die Sicherheit des Königreiches hatte aber auch er im Auge.
Im Dienste Ihrer Majestät. James Bond, hier dargestellt von George Lazenby im Jahr 1969, hat zwar für den Auslandsgeheimdienst MI...Foto: Cinetext

Für Filmregisseure waren sie eine Lieblingsinspiration, Historiker ließen sie links liegen: Der Einfluss der Geheimdienste auf die Geschichte zählt zu den am meisten unterschätzten Phänomenen. Christopher Andrew hat in diesem Zusammenhang schon vor über 25 Jahren von der „fehlenden Dimension“ gesprochen, und auch in der jetzt vorgelegten Gesamtschau über den britischen Inlandsgeheimdienst MI 5 („Military Intelligence, Section Five“) knüpft er an diese These an. Viele Historiker, schreibt Andrew, haben den Nachrichtendiensten nie die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihnen gebührt – aber, so der Cambridger Historiker ganz pragmatisch: Die Versäumnisse einer Generation bieten immer zugleich auch die Chancen für die nächste. Dabei ist das Bewusstsein für die Bedeutung von Diensten wohl in keinem Land so ausgeprägt wie in Großbritannien. Und ein mit Andrews’ Opus vergleichbares Werk wäre wohl auch in keinem anderen Land denkbar. Es kann getrost als zeitgeschichtliche Sensation bezeichnet werden, dass ihm für seine Gesamtgeschichte der vergangenen 100 Jahre das Archiv des Security Service mit seinen 400 000 Akten geöffnet wurde. In dem Spagat zwischen exklusivem Zugang und der auferlegten Zurückhaltung einer offiziösen Geschichte liegen sowohl Reiz als auch größtes Manko. Eine offizielle Geschichte sollte es, darauf legten die Auftraggeber wert, jedenfalls nicht sein. Doch kann es so etwas wie eine offizielle Geschichte der Nachrichtendienste überhaupt geben? In einem Bereich, in dem sehr eigene Gesetze gelten und der eigentliche Wert von Operationen auch gerade darin besteht, das Eintreten von Ereignissen verhindert zu haben?

Der Generaldirektor des Security Service betont in seinem Vorwort, dass ein Großteil der Arbeit des Security Service selbstverständlich geheim bleiben müsse. Andrew kann deshalb nicht alle Quellen, die für ihn so reichlich sprudelten, benennen. Trotzdem (oder: gerade deshalb) lässt die Auswahl auch der zitierten Veröffentlichungen interessante Schlussfolgerungen zu.

Zu den Längsschnitten, die das Buch auszeichnen, zählt die starke Deutschlandfixierung, die bei der Begründung des Secret Service Bureau Pate gestanden hatte – der deutschen Bedrohung durch die „Spione des Kaisers“ ist ein ganzes Kapitel gewidmet – und die in den 1930er Jahren in der Bedrohung des mehr und mehr seine Machtbasis erweiternden Nationalsozialismus ihre Entsprechung fand. Da war zum einen die Spielart der fünften Kolonne: der Faschistenführer Mosley und dessen Frau, die Hitler-Verehrerin Diana Mitford, deren Kreise ein naturgemäßer Gegenstand geheimdienstlicher Ermittlungen waren. Und da war die Kontroverse zwischen Moderaten und den Vertretern einer harten Linie, ob Hitler durch Entgegenkommen zu Wohlverhalten bewegt werden könne. Abschließend wurde sie erst mit der Ablösung von Chamberlain durch Churchill im Mai 1940 beantwortet. Was Andrew in diesem Zusammenhang über den in London postierten deutschen Diplomaten Wolfgang zu Putlitz schreibt, der nach Kriegsausbruch in Konsequenz seiner Spionagetätigkeit zum Überläufer wurde, wirft ein bezeichnendes Licht auf die britischen Fehleinschätzungen Hitlers. Denn Putlitz’ konstante Warnungen vor Hitlers Eroberungsgier machten in Whitehall wenig Eindruck. Bereits im September 1936 hatte Putlitz berichtet, dass Ribbentrop und sein Stab einen Krieg des Deutschen Reiches mit Russland als „so sicher wie das Amen in der Kirche“ betrachte. Putlitz wurde im Übrigen auch dann noch vom eigentlich dafür gar nicht mehr zuständigen MI5 geführt, als er im Frühjahr 1938 nach Den Haag versetzt wurde.

Die Fehleinschätzung von Hitlers Ambitionen fand ihre Entsprechung in der falschen Beurteilung der innerdeutschen Hitler-Gegner, wie sie in den Flop des Venlo-Zwischenfalls vom 9. November 1939 gipfelte, bei dem die beiden britischen Nachrichtendienstoffiziere Stevens und Best in die Falle des deutschen Sicherheitsdienstes getappt waren, weil sie an der deutsch-niederländischen Grenze mit vermeintlichen deutschen Oppositionellen zusammentreffen wollten.

Fehleinschätzungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte der Spionage. Das Beispiel des vielleicht erfolgreichsten Spionagerings, der Cambridge Five um Kim Philby, spricht Bände. Denn die russischen Führungsoffiziere entmutigten immer wieder ihre hochmotivierten Agenten, die rein aus ideologischer Überzeugung handelten, und lange hielt sich in Moskau die Ansicht, in Wirklichkeit handele sich um einen ausgeklügelten britischen Komplott. Es sollte bis 1951 dauern, als der erste der fünf enttarnt werden konnte.

Gegenspionage hat zu allen Zeiten eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Das amerikanische OSS, der Vorläufer des CIA, war geradezu mit sowjetischen Spionen durchsetzt, und die Russen verdanken 1949 ihren ersten erfolgreiche Atombombenversuch ihrer ebenso erfolgreichen Atomspionage in Los Alamos. Im Kalten Krieg gelang dank der Funkaufklärung ein bedeutsamer Durchbruch, als Ende der 40er Jahre in einem amerikanisch-britischen Gemeinschaftsunternehmen die Dechiffrierung von fast 3000 abgefangenen sowjetischen Geheimdiensttelegrammen glückte („Venonaprojekt“).

Zu den Lehren, die Andrew parat hält, zählt die „Unterschätzung der Defizite der sowjetischen Geheimdienstanalyse, das Chaos bei den geheimdienstlichen Ermittlungen zu Beginn des Nordirlandkonflikts und die verspätete Erkenntnis, dass der Islamismus zu einer terroristischen Bedrohung geworden war“. Der Vergesslichkeit gegenüber der Geschichte hält Andrew sein leidenschaftliches Plädoyer für vertiefte Kenntnisse der Geschichte und ihrer Verzweigungen entgegen. Mögen wir aus Schaden in der Vergangenheit klug werden. Dies ist seine eigentliche Botschaft. Denn bei näherer Betrachtung haben die Probleme der Vergangenheit sehr viel mehr mit den Herausforderungen der Gegenwart zu tun, als es uns bewusst sein mag. Im Kern geht es auch im 21. Jahrhundert um die Frage, wie wir mit einem mit Macht ausgestatteten Fanatismus umgehen sollen. Ein pädagogisches Buch, ohne Frage, aber auch ein unglaublich spannendes Buch, das entlang den berühmtesten Spionagefällen des 20. Jahrhunderts geschrieben ist.







– Christopher Andrew:
MI 5. Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes. Propyläen Verlag, Berlin 2010. 912 Seiten, 24,95 Euro.

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