Politische Literatur : Willy Brandt in der DDR: Gipfeltreffen mit Goldbroiler

Auf dem Treffen in Erfurt wollte die DDR ihr völkerrechtliche Anerkennung durchsetzen. Das Volk rief "Willy, Willy!". Davon berichten Jan Schönfelder und Rainer Erices in ihrem Buch "Willy Brandt in Erfurt. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen 1970".

Hannes Schwenger

Erst gab es Soljanka, dann Goldbroiler, dann Eisbecher mit Früchten. Danach war das Eis gebrochen, die Früchte wochenlanger Verhandlungen reif: Am 12. März 1970 akzeptierte die DDR Ort und Termin für die Begegnung ihres Ministerpräsidenten Willi Stoph mit Bundeskanzler Willy Brandt. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen war perfekt. Es sollte nach Ansicht der Autoren zum „Markstein auf dem Weg zur deutschen Einheit“ werden.

Vorher mussten allerdings die größten Stolpersteine aus dem Weg geräumt werden, denn die DDR weigerte sich hartnäckig, eine Anreise oder Rückreise des Bundeskanzlers über West-Berlin zu dem ursprünglich in Ost-Berlin geplanten Treffen zu akzeptieren. Es bedurfte einiger Nachhilfe aus Moskau, um die Begegnung doch noch zustande zu bringen; mit Egon Bahrs Worten: „Man hat hier Stoph ,gezwungen‘, das Treffen zu machen. Große Unsicherheit dort.“ Dass es tatsächlich Zweifel an der Wünschbarkeit des Treffens in der SED-Führung gab, dafür sprachen die Bedenken führender SED-Politiker um Erich Honecker, Paul Verner und Willi Stoph selbst, während Walter Ulbricht auf das Zustandekommen drängte. Ganz wohl war der SED dabei nicht, wusste sie doch aus einer aktuellen Umfrage, dass nur 30 Prozent ihrer Bürger die DDR als ihr Vaterland benannten, dagegen 70 Prozent Deutschland. Zweck des Treffens aber sollte sein, die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durchzusetzen, die Bonn verweigerte.

Der Tag von Erfurt, es war der 19. März 1970, bestätigte, dass die Befürchtungen berechtigt waren: Die „Willy! Willy!“- Rufe tausender DDR-Bürger, die alle Absperrungen durchbrochen hatten, übersetzte die „New York Times“ schon damals ahnungsvoll als „Aufschrei aus dem Innersten, der sich an die Deutschen in allen Teilen des Landes richtete und zu besagen schien: ,Wir sind ein Volk‘“. Da half es nicht, dass bestellte Gegendemonstranten wenig später skandierten: „Forderung in Stadt und Land, die DDR wird anerkannt“ und „Von der SED geführt, sind wir richtig programmiert“. Falsch programmiert war offenbar die Volkspolizei, deren Ortskommandeur seines Amts enthoben wurde, während sich Erich Mielke beklagte, dass sein Vorschlag einer Bannmeile um den Tagungsort durch „zentralen Beschluss der Partei- und Staatsorgane“ abgelehnt worden sei. Dass er gar die Hochrufe auf Willy Brandt mithilfe Honeckers selbst inszeniert habe, um Walter Ulbricht als Befürworter der Begegnung zu desavouieren, wie Reinhard Andert nach Honeckers Sturz behauptet hat, ist dagegen bloße Legende.

Besser programmiert war die Nationale Volksarmee, die Brandt bei seinem Besuch im KZ Buchenwald einen Überraschungsempfang mit DDR-Fahnen, Hymnen und Ehrenspalier bereitete, bei dem auch die beiden Nationalhymnen gespielt wurden. Brandt machte nicht gerade gute, sondern eine ziemlich eiserne Miene zu dieser Vorstellung, der aber auch für die Veranstalter eher zwiespältig ausfiel. Die Staatssicherheit meldete jedenfalls Unbehagen unter alten Genossen, dass von einer NVA-Kapelle das Deutschlandlied intoniert wurde, „da unter den Klängen dieser Hymne ehem. (!) KZ-Häftlinge in Buchenwald gefoltert und ermordet wurden“. Es war die Hymne, unter der sich am 3. Oktober 1990 die DDR mit der Bundesrepublik Deutschland vereinigte. Jeder lange Marsch, so zitieren die Autoren Brandt aus einem Gespräch mit Olof Palme, „beginnt mit einem kleinen Schritt oder einer kleinen Reise“. Zum Beispiel nach Erfurt.

Jan Schönfelder, Rainer Erices: Willy Brandt in Erfurt. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen 1970. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 332 Seiten, 19,90 Euro.

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