Kultur : Polkafest: Und eins und zwei und weggefegt

Steen Lorenzen

Wenn man an sie denkt, fängt man unwillkürlich an zu schmunzeln. Selbst eingefleischten Fans fallen sofort die stereotypen Bilder von schrulligen Blaskapellen ein und von folkloristisch anmutenden Tänzern, obwohl sie längst des Besseren belehrt worden sind. Die Polka, der Tanz im Zweivierteltakt, ist unwiderstehlich peinlich.

Um das zu verstehen, lohnt sich die Erfahrung am eigenen Körper: Man nehme eine Tuba, die kleine Schlagzeug-Variante, ein Akkordeon, noch ein paar Bläser und eine Stimme, die nicht unbedingt schön, aber durchsetzungsfähig ist. Besondere skills sind nicht vonnöten. Bis zwei sollte man schon zählen können, im Oompah-Takt am besten. Günstig, aber nicht obligatorisch, ist auch das Beherrschen des Tonumfangs einer Oktave am jeweiligen Instrument. Die Akkordfolge ist simpel, doch bei aller Leichtigkeit ist die Polka keineswegs ein Tanz ohne Tiefgang. Was so beschwingt und lebensfroh klingt, handelt nicht selten von der missglückten Liebe und der vermeintlich besten Medizin gegen Herzschmerz: dem Alkohol. Die Melancholie steckt in den Harmonien, überwunden wird sie rhythmisch: einhaken, drehen, galoppieren.

Es ist nicht ganz klar, woher der Zweivierteltakt-Tanz ursprünglich kommt. In Polen oder Böhmen soll er seine Wurzeln haben. Seine erste Hochzeit erlebte er jedenfalls im Zentraleuropa des 19. Jahrhunderts. Parallel zum politischen Wirbel fegte das Bürgertum im Eins-Zwei-Wechselschritt über das Parkett und auch bei Arbeitern und Bauern genoss diese Mode street credibility. Kein zweiter Tanz versprach so viel Körperkontakt wie die ungestüme Polka. Ihr darauffolgender Export forcierte sowohl das Tempo als auch das sehnsüchtige Moment. Denn als der Tanz vor über hundert Jahren mit Deutschen, Polen, Böhmen und Mähren in den USA landete, fühlten sich die Neuankömmlinge heimatlos. Nach Lebensfreude dürstete es ihnen im prüden Amerika. Gelöscht wurde der Durst mit Bier und die trüben Gedanken - eins, zwei - weggefegt.

Heute ist diese Tanzbewegung in den USA ein Massenphänomen. Im "Polka Belt" zwischen Milwaukee und Texas treffen sich alljährlich 100 000 Fans zu Veranstaltungen, die mit "Wurst Fest" oder "Sausage Festival" überschrieben sind. Bei diesen Events ist Schmunzeln angebracht, denn dort werden die Klischees bestätigt: Blonde Polka-Mädels und Lederhosen-Jungs zelebrieren ihre europäischen roots. Solchen Pop-Appeal hat die Polka vor allem deshalb, weil sie schlicht ist und unmittelbar. Doch inzwischen hat sie sich weit verzweigt. Im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet entstand zum Beispiel eine besonders charmante Spielart, der wirbelnde Conjunto. Er ist rhythmisch noch komplexer als der Eastern Style aus New York, bei dem Trillerpfeifen blitzschnelle Akkordeonspiele begleiten.

Auch die gesellschaftliche Bedeutung der Polka variiert ganz erheblich. So vernetzt der Humpa mit exzessiven Holzhütten-Festen das dünnbevölkerte Finnland, während die Tsigane-Blaskapellen vom Balkan sich regelrecht als Handwerker verstehen: spielen, spielen, spielen - an Namenstagen, Hochzeiten, an Beschneidungszeremonien oder Erntefesten. Dass auch die Generation Z den echten 2-Step tanzt, liegt wiederum am Schmunzeln, das die Polka hervorruft: Mit einer Art Rock-Polka, hat die texanische "Brave Combo" junges Publikum für den Tanzfeger gewinnen können. Punk war ihnen irgendwann zu uncool geworden. Nur gelegentlich darf sich die elektrische Gitarre nun noch im Zweiviertel-Takt einreihen. Dafür stimmt die Energie wieder und auch das Sendungsbewusstsein. Die diesjährigen Gewinner des Polka-Grammys haben eine Mission: die Polkakultur von Nationalismen befreien - und von Wurstbuden.

Am Sonntag findet im Pfefferberg, Schönhauser Allee 176 (Prenzlauer Berg) das dritte Berliner Polkafest statt. Headliner: die "Brave Combo".

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