Kultur : "Pollicino": Kraftprotz - Oper im Saalbau Neukölln

Cordula Däuper

"Märchen für Musik" - so nennt Hans Werner Henze seine 1980 entstandene Oper für Kinder und mit Kindern "Pollicino". Ein Orchester in ungewöhnlicher Zusammensetzung - Blockflöten, Gitarren, Solovioline, Schlagwerk - erzählt die Geschichte von sieben Brüdern, die von den Eltern im Wald ausgesetzt werden. Das Geld reicht nicht, alle Kinder zu ernähren. Auf roter, ansteigender Bühnenfläche tummeln sich die verzweifelten Jungs (Chorkinder der Gropiuslerchen Berlin). Sie rufen plärrend um Hilfe, stellen sich dann aber den kommenden Abenteuern - strotzdend vor Kraft. Wenn am Bühnenportal vom Saalbau Neukölln überdimensionierte Wolfszähne die Höhle des Menschenfressers andeuten, erstarren sie zwar vor Angst, aber da hat Pollicino, der Jüngste von ihnen, schon wieder eine Idee. Henzes Musik untermalt mal schaurig, mal volkstümlich die Geschichte. Und ebenso deutliche Bilder findet auch Regisseurin Julia Haebler: Schritt- und Zeitlupenchoreographien, die die Rhythmen aufgreifen, geben dem Werk klare Konturen, wobei der Fantasie im nur andeutenden Bühnenbild (Hanna Zimmermann) genug Spielraum gelassen wird. Durch die tintenblauen Trainingsanzüge und Käppis der Kids ist das Märchen in die Gegenwart gerückt. Die Fabelwesen der Menschenfresser und Waldbewohner lassen der Kostümbildnerin Frauke Ritter etwas mehr Freiheit, die sie mit Kostümen in witzigem Casual-Fantasy-Look kreativ nutzt. Eine eigenartige, stimmige Optik (wieder heute sowie am 27. und 28. 9. um 10.30 Uhr; 23., 29., 30.9. um 19 Uhr; 24. 9. um 16 Uhr). So kann eine Märchenoper fesseln - gerade wenn die Sänger zu verstehen sind und kein didaktischer Zeigefinger die Freude am Spiel zu erdrücken droht.

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