Kultur : Polnische Liebesschwüre

Gastspiel am DT: das Stary Teatr Krakow mit dem „Sommernachtstraum“

Christoph Funke

Bildmächtiges Theater hat in Polen Tradition. Während der sozialistischen Ära machte es einen nüchternen Alltag reicher. Poesie bestimmte das Spiel, jenseits politischer Programme wurde eine eigene Welt gebaut, mit unerschöpflicher Fantasie, mit Satire, Humor. Gegen die bloße Abbildung von Wirklichkeit hat sich das polnische Theater in der Zeit eines verordneten einschichtigen Realismus auf diese Weise immer erfolgreich gewehrt. Es versuchte sich trotzig und selbstbewusst an einer Geschichts- und Menschenerkundung, die sich Regeln und ideologische Maximen nicht aufzwingen ließ. Geschichte verwandelte sich auf der Bühne oft ins Märchen, in sehnsüchtiges Träumen auch, in eine Unwirklichkeit, die den ganzen Reichtum des Menschen freisetzte. Das Verschlungene, Absurde war dabei die Möglichkeit, hinter die Dinge zu sehen und auf den Grund historischer Prozesse jenseits materialistischer Gesellschaftsanalyse.

Das Stary Teatr Krakow – 1781 gegründet und damit gut 100 Jahre älter als das Deutsche Theater Berlin – hat bei der Suche nach nationaler Identität und der Verteidigung künstlerischer Freiheit stets eine besondere Rolle gespielt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts trugen von der Bühne in der Jagiellonska- Straße aus Regisseure wie Jerzy Grotowski, Konrad Swinarski, Jerzy Jarocki, Andrzej Wajda und Tadeusz Kantor den Ruhm des polnischen Theaters in die Welt. Leider kam der kühne Versuch einer schöpferischen Begegnung der Theaterarbeit des Stary Teatr mit der im Berliner Ensemble angestrebten dialektischen Vernunft über Anfänge nicht hinaus. Konrad Swinarski wurde im September 1955 Meisterschüler bei Bertolt Brecht, konnte aber nur wenige Monate mit dem Dichter zusammenarbeiten.

In Deutschland war das Stary Teatr zuletzt in Frankfurt am Main zu Gast (2005), auch in Berlin hat es einige seiner besten Aufführungen gezeigt. Wenige Tage vor Ostern stellte sich das Ensemble nun nach längerer Unterbrechung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters erneut vor, mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ in der Inszenierung der 1973 geborenen Regisseurin Maja Kleczewska. Das alte Stück, neu zusammengebaut und kühn verdichtet (Spieldauer zwei Stunden), offenbart hier eine beklemmende Trauer über das Unvermögen des Menschen, sich selbst zu finden. Schwer lastet Trauer auf den Figuren, denen Liebe eher ein Fluch als ein Segen ist. Aus den Schatten der Melancholie finden sie mühsam zu erotischen Verklammerungen oder wilden, gleichsam fremdbestimmten Orgien des Tanzes und bleiben sich fremd. Es gibt die Erlösung nicht, Gewalt bleibt immer im Spiel. Jede Möglichkeit einer Flucht in den Wald ist versperrt, Feen und Zaubergeister haben keinen Ort mehr, und paradiesisch entfesselte Natur – gab es die einmal?

Nichts will Spaß machen in dem orientalisch angehauchten schwarzen Partyraum mit Glaswänden, Plastikvorhängen und wuchtigen Sitz- und Liegemöbeln (Bühnenbild und Lichtregie: Katarzyna Borkowska). Düster, unwirtlich ist dieser aufgepeppte Tanzschuppen, und die sanfte, psychedelisch fließende Musik betont nur noch die Ausweglosigkeit der grübelnden Figuren, die dort hocken, sitzen, liegen. Ob Menschen, ob Fabelwesen, sie finden nicht heraus aus dem Verhängnis ihrer stets aufs Neue missglückenden Liebesbeziehungen.

Das Ensemble beherrscht diese Stimmungsschwankungen, das Versinken ins Verlorene wie das Aufschrecken ins Aggressive mit aufwühlender Intensität. So verwandelt sich der schöne Knabe, um den sich Oberon und Titania streiten, in den Waldgeist Puck und arbeitet dann so finster, hart, erbarmungslos, dass er selbst den Herrscher Oberon am Ende in die Verzweiflung und auf die Knie zwingt. Die beiden jungen Paare, um die sich das Spiel ja dreht, kommen trotz hitziger körperlicher Entladungen, in denen Mensch, Tier, Puppe in rhythmischer Wildheit miteinander verschmelzen, aus den Finsternissen ihres ungestümen Begehrens nicht heraus. Sie sind am Ende so unfrei und unerlöst wie am Anfang.

Aber die Handwerker. Hier bringt Maja Kleczewska Leute auf die Bühne, die wie von der Straße aufgelesen wirken, biedere Bürger, Beamte, ein bisschen verrückt und spielwütig, aber bereit zu ernsthafter Arbeit. Mit Mühe nur werden sie ihrer Eitelkeit Herr, die das ganze Aufführungsprojekt um Pyramus und Thisbe programmatisch zu zerstören droht. Schließlich sitzt die brave Truppe an der hoch besetzten Hochzeitstafel mit den drei Paaren und verliert sich mit immer größerem Ernst, ja mit Würde in das Spiel. Endlich, endlich triumphiert die Liebe, eine wahre, aufopferungsvolle Liebe – und die Paare an der Tafel erstarren, versinken in Scham, der Hohn über die Dilettanten bleibt ihnen im Hals stecken. Sollte Liebe doch möglich? Die Handwerker haben sie neu erfunden – im Spiel freilich, nur im Spiel.

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