Kultur : Polterabend

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Jan SchulzOjala sorgt sich um

die Zukunft des Deutschen Filmpreises

Die Hochzeitsvorbereitungen laufen, höflich gesagt, schleppend. Der Bräutigam mag sich zwar vor geraumer Zeit forsch erklärt haben, aber so richtig organisiert wirkt er bis heute nicht. Und die millionenschwere, grundsätzlich willige Braut steht derweil ein bisschen rum. Das künftige Zuhause ihrer hohen Mitgift gilt als zunehmend strittig, also denkt sie schon mal halblaut über Alternativen nach. Eine schnelle Scheidung zum Beispiel, wenn die Ehe nicht recht rund laufen sollte, sei doch auch eine Lösung.

Natürlich wollen hier zwei nur dienstlich zusammenkommen. Die sensible Kulturstaatsministerin Christina Weiss und der energische Filmproduzent Bernd Eichinger nebst Gleichgesinnten laborieren an der Konstruktion einer noch zu gründenden privaten Deutschen Filmakademie, die künftig den staatlichen Deutschen Filmpreis vergeben soll. Dabei schauen Eichinger & Co. sorgsam auf den knapp drei Millionen Euro schweren Steuermittel-Schatztopf, den das Kulturstaatsministerium alljährlich zeremoniell zur Hebung des „künstlerischen Rangs“ des deutschen Films ausschüttet. Nicht mehr eine staatlich berufene und alle paar Jahre wechselnde Fachjury, sondern alle Ex-Preisträger sollen als neue Akademiemitglieder über den ebenso fürstlichen wie amtlichen Geldsegen befinden. Vorbild sind der Oscar und mancherlei europäische cineastische Ehren – mit einem Unterschied: Diese Preise sind allesamt undotiert.

Wenn heute bei der Gala im Berliner Hotel Adlon wieder die Filmpreis-Kandidaten nominiert werden, dann ist das wahrscheinlich der Auftakt zu einer Derniere: Schon möglich, dass der Preis am 6. Juni zum letzten und übrigens 53. Mal nach ausgewiesen künstlerischen Kriterien vergeben wird – so wie es die jetzige Satzung verlangt, derzufolge ein paar glückliche Filmemacher alljährlich in den Genuss dieses Kernstücks und Löwenanteils der Bundesfilmförderung kommen. Durchaus wahrscheinlich auch, dass danach, wenn denn die teutonischen Oskars das Sagen haben sollten, ehrgeizige und spröde, starke und sperrige Filme wie „Die innere Sicherheit“, „Der Totmacher“ oder „Die Unberührbare“ nicht mehr auf dem Siegertreppchen stehen. Sondern gut gemachte Publikumsdinger im Stil von „Sonnenallee“ oder „Crazy“, vielleicht auch „Anatomie“ oder „Das Experiment“, die sich bislang, die Jury wollte es so, künstlerisch profilierteren Filmen beugen mussten.

Christina Weiss nun, Herrin über die Millionen, peilt das schier Unmögliche an. Der Filmpreis soll dotiert und staatlich und kulturbezogen bleiben; gleichzeitig öffnet sie der ästhetischen Nivellierung, die mit jeder Massen-„Jury“ – man denke nur an die Oscar-Akademie mit fast 6000 Mitgliedern – einhergeht, Tür und Tor. Im Zweifel für den Erfolg und gegen das Wagnis, im Zweifel für „Chicago“ und gegen „Gangs of New York“: Das ist bei solcherlei Entscheidungsprozessen nun mal die Erfahrung. Und warum, so darf man fragen, soll bei einem expliziten Kunstfördervorhaben, das der Deutsche Filmpreis ausdrücklich bleiben soll, die Staatsknete strukturell ausgerechnet jene Filme verwöhnen, die an der Kasse ohnehin schon ihren Schnitt gemacht haben?

Kann schon sein, dass es dieses Jahr vielleicht genau so kommt, weil am Überraschungserfolg „Good Bye, Lenin!“ kaum ein Weg vorbeiführt. Aber ein Argument dafür, künftig die Weichen grundsätzlich in eine solche Richtung zu stellen, ist das nicht. Deshalb: Vielleicht bleibt es – kurz vor der Hochzeit – ja doch beim Polterabend. Den höchstdotierten deutschen Kulturpreis zerdeppern? Nur zum Spaß.

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