Kultur : Polyhistor

Zum Tod von Hans Wollschläger

Steffen Richter

Vor vier Wochen sollte Hans Wollschläger in der Spandauer Kirche St. Marien am Behnitz aus Karl Mays „Ardistan und Dschinnistan“ lesen. Weder Ort noch Text sind einschlägig im literarischen Betrieb – und doch sind sie symptomatisch für die Randständigkeit Wollschlägers. Nur wenige kennen den Mann, der als moderner Polyhistor gleichermaßen Übersetzer, Herausgeber und Schriftsteller war. Und alles auf höchstem Niveau.

Von Wollschläger wissen deutsche Joyce-Leser, dass Buck Mulligan am 16. Juni 1904 „stattlich und feist“ am Treppenaustritt erschien. So setzt der „Ulysses“ ein, das Grundbuch der modernen Prosa. Außer Joyce hat Wollschläger auch Poe und die amerikanischen Hard-boiled-Klassiker Chandler und Hammett übersetzt. Sein erstes Buch aber war eine kompetente „rororo“-Monographie über Karl May (1965). Dem ist er als Herausgeber einer historisch-kritischen Ausgabe zeit seines Lebens treu geblieben. Diese Begeisterung verband ihn mit dem anderen Intellektuellen unter den May-Verehrern: Arno Schmidt. Dass Schmidt und Adorno seine wichtigsten Lehrer waren, sagt einiges über das weite Spektrum von Wollschlägers Interessen.

Auf die May-Edition folgte eine von Friedrich Rückert, es folgten harsch religionskritische Bücher wie „Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem“ (1970), die Auseinandersetzung mit dem deutschen Tierschutzgesetz und der Sprache der Wissenschaft in den Essays „Tiere sehen dich an“ (2002) oder zuletzt die Erinnerungen an Adorno „Moments musicaux. Tage mit TWA“ (2005). Dass die enorme essayistische Produktion mit einer Selbstverleugnung als Schriftsteller einherging, steht auf einem anderen Blatt. 1982 war das erste Buch des romanesken Textgebirges „Herzgewächse oder Der Fall Adams“ erschienen. Vollendet hat Wollschläger die auf mehreren Ebenen konzipierte Geschichte des Kriegsheimkehrers Michael Adams nicht. Avantgardistische Erzählformen sollten hier mit der Psychoanalyse und der Musiksprache Gustav Mahlers verschränkt werden. Auch hier war Wollschläger Fachmann. Zunächst nämlich hatte der 1935 im westfälischen Minden geborene Pastorensohn Musik studiert.

In den letzten Jahren hat Wollschläger gelegentlich von „Müdigkeit“, „Erosion“ und „Desillusionierung“ gesprochen. Vermutlich war das die seit Lessing bekannte Müdigkeit des Aufklärers angesichts wenig erbaulicher Weltläufte. Seit Anfang März war eine Krankheit hinzugekommen. Am 19. Mai ist Hans Wollschläger in Bamberg gestorben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar