Pop : Der Mann mit dem Messer

Schock-Projekt oder Schmock-Rock? Lou Reed hat mit Metallica das Album „Lulu“ aufgenommen.

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Giftgreis. Lou Reed (vorn) und die Heavy-Metal-Recken von Metallica. Foto: Anton Corbijn
Giftgreis. Lou Reed (vorn) und die Heavy-Metal-Recken von Metallica. Foto: Anton Corbijn

Dabeibleiben ist alles. Die großen alten Männer des Rock ’n’ Roll – Jagger/Richards, Neil Young, Dylan oder Bowie – haben viel durchgemacht. Den Ruhm, das Wechseln der Moden, vorzeitige Abgesänge, Drogen. Aber keiner verkörpert die Rolle des Last Man Standing besser als Lou Reed. „Warum gibt es diesen Typen immer noch, dessen ganze Karriere auf Zuckungen im Endstadium basiert?“, fragte Lester Bangs bereits 1975 und beschrieb Reeds „teigige Haut“, die „transzendental ausgemergelte Gestalt“ und „rostigen Augen“. Der Kritiker verehrte den Rocker, hielt ihn aber für „einen total entarteten Perversen und erbärmlichen Todeszwerg“. Bangs starb 1982. Reed hat überlebt – und macht weiter.

Hereinspaziert also ins Kabinett des Dr. Lou, eine Jahrmarktsbude voller tanzender Mäuse, durchgesägter Frauen und grinsender Skelette. Die größte Attraktion ist der Conférencier selbst, ein Giftgreis mit struppigem Haar und ledriger Stimme. „Ich würde meine Beine und meine Titten abschneiden, wenn ich an Boris Karloff und Kinski denke“, grummelt er zu lieblichen Akustikgitarrenakkorden. Dann brettern E-Gitarren los, ein Schlagzeug wird malträtiert, alles dröhnt und hallt, doch der Mann erzählt einfach weiter: von Friedhofsromanzen, Opiumorgien, Nosferatu und Peter Lorre, dem Hauptdarsteller aus Fritz Langs Filmklassiker „M – eine Stadt sucht einen Mörder“.

Das Blut ruiniert Bad und Wohnzimmer

So beginnt „Lulu“, das Doppelalbum, das Lou Reed mit Metallica aufgenommen hat. Im Stück „Brandenburg Gate“ fantasiert sich der Sänger zurück ins Berlin der zwanziger Jahre, eine Stadt, die er sich wie ein großes expressionistisches Bühnenbild vorstellt, ausweglos verwinkelt. Es ist die ideale Bühne für Lulu, die von Frank Wedekind erfundene Femme fatale, die am Ende von Jack the Ripper erstochen wird. Reeds großartige Texte sind Dokumente einer totalen Identifikation. Er ist abwechselnd Lulu und ihr Mörder. In „Iced Honey“ beschwört er die Abgebrühtheit der Männerverderberin: „Now I’ve tried a million tricks / To make life cold and make it stick“, um dann in „Pumping Blood“, immer noch im scheinbar unbeteiligten Sprechgesang, detailliert zu schildern, wie das Blut aus ihrem sterbenden Körper spritzt, Bad, Wohnzimmer und Küche ruiniert. „Oh Jack, ich flehe dich an“, barmt Lulu. Aber Jack, der Mann mit dem Messer, arbeitet wie ein Metzger und stellt am Ende fest, dass ihr Herz bloß ein ordinärer Muskel ist.

Morddrohungen von Metallica-Fans

Ursprünglich hatte Lou Reed die Songs für eine „Lulu“-Inszenierung seines Freundes Robert Wilson geschrieben, die im April im Berliner Ensemble herauskam. Der Applaus war verhalten, Kritiker warfen dem Star-Regisseur Manierismus vor. Die Bühnenmusik blieb im Hintergrund, seine volle Wucht entfaltet der Stoff nun erst in Reeds wüster Rock-’n’-Roll-Travestie.

Lou Reed, der 69-jährige Underground-Veteran aus New York, und die vier Recken von Metallica, der einstmals weltweit erfolgreichsten, inzwischen krisengeschüttelten Heavy-Metal-Band, geben sich als Blutsbrüder. Nach einem gemeinsamen Auftritt zum 25-jährigen Jubiläum der „Rock and Roll Hall of Fame“ in New York hätten sie, so Reed, „einen Blutsschwur geschworen“, einmal zusammen eine Platte aufzunehmen. „Sie sind die Brüder, die ich immer gesucht habe. Sie haben Power und können wirklich spielen“, schwärmt der Sänger im Interview mit dem „Rolling Stone“. Allerdings will er auch Morddrohungen von Metallica-Fans erhalten haben, denen die Kooperation weniger gut gefällt.

Experimente am Rande der Unhörbarkeit

Eingespielt wurde „Lulu“ beinahe unter Live-Bedingungen im „Headquarter“, dem nordkalifornischen Studio, das Metallica im Jahr 2002 für die Produktion ihrer Platte „St. Anger“ bauen ließen. Wirklich eingelassen auf eine Jam hat sich die Band nicht. Gitarrist James Hetfield ruft auf seinem Instrument altbekannt sägende, kreischende und stotternde, wahrscheinlich vorproduzierte Riffs ab, das Schlagzeug von Lars Ulrich klingt mächtig nach vorne produziert. Vom Bassisten Robert Trujillo, noch am ehesten ein Improvisationskünstler, ist wenig zu hören. Das Schock-Projekt versandet im Schmock-Rock.

Lou Reed provoziert gern, für musikalische Experimente am Rande der Unhörbarkeit ist er bekannt. Legendär sein Doppelalbum „Metal Machine Music“, das 1975 ausschließlich aus Gitarrenfeedback bestand und nur von Lester Bangs gemocht wurde. Reeds letzte herausragende Veröffentlichung war 1989 „New York“, eine wütende Liebeserklärung an seine Stadt. So gewagt wie „Metal Machine Music“ ist „Lulu“ nicht. Beim Hören durchzuhalten fällt trotzdem schwer. Aber es lohnt sich, in den Texten zu blättern.

„Lulu“ ist bei Universal erschienen.

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