Pop : Im Fieber der Nacht

Im Gefolge des Beatles, im Gefolge von Disco, Soul und John Travolta: Zum Tod des Bee-Gees-Musikers Robin Gibb.

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Foto: dapd

Sein letztes Werk war ein Requiem. Mit seinem Sohn RJ hatte Robin Gibb es für die Opfer der Titanic-Katastrophe vor 100 Jahren komponiert. Zur Premiere konnte er nicht mehr kommen, jetzt wird für ihn selbst die Totenmesse angestimmt. Neun Jahre nach seinem Zwillingsbruder Maurice ist Robin Gibb am Sonntag in London gestorben. Barry Gibb ist nun das letzte verbleibende Mitglied der legendären Bee Gees.

Die drei Brüder gründeten die Gruppe 1959 im australischen Brisbane, wohin sie ein Jahr zuvor mit ihrer britischen Familie ausgewandert waren. Nach einer Reihe erfolgreicher Singles ging das junge Trio Mitte der sechziger Jahre zurück nach England – dank der Beatles das Popzentrum der Welt. Eine Weile orientierten sich die Bee Gees an den Fab Four und landeten mit „New York Mining Desaster 1941“, ihrer ersten in London aufgenommenen Single, gleich einen Hit. Anschließend machten sie sich vor allem mit Balladen einen Namen.

Robin Gibb, der am 22. Dezember 1949 geboren wurde, verließ die Band 1969 im Streit um das rockopernhafte Doppelalbum „Odessa“. Doch schon nach einer Soloplatte kehrte er zu seinen Brüdern zurück – und geriet mit ihnen in eine mehrjährige Krise, aus der sie schließlich der „R ’n’ B“-Produzent Arif Mardin befreite. Er überzeugte die Gruppe, sich stärker in Richtung Soul und Disco zu orientieren. Als weiße Briten hatten sie sich das nie recht zugetraut.

Aber mit den Alben „Main Course“ und „Children of the World“ gelang ihnen der Stilwechsel. Sie waren zurück in den Hitparaden. So war es für die Macher des Tanzfilms „Saturday Night Fever“ mit John Travolta naheliegend, die Bee Gees für den Soundtrack zu engagieren. Obwohl darauf auch Stücke anderer Interpreten zu finden sind, wird der Erfolg des Albums allein den Bee Gees zugerechnet. Es stand 1977 weltweit mehrere Wochen auf Platz eins der Charts und verkaufte sich bis heute mehr als 40 Millionen Mal.

Der Bestseller trug maßgeblich zur Mainstreamisierung der zunächst von Schwarzen und Schwulen geprägten Disco-Subkultur bei. Die Bee Gees machten sich mit ihrer Dominanz auch viele Feinde: Platten und Poster wurden öffentlich verbrannt, Radiostationen riefen BeeGees-freie Tage aus. Die mittlerweile in Miami residierenden Meister des Falsett-Gesangs ließen sich davon nicht beeindrucken und erklärten sich für ein größenwahnsinniges Projekt bereit: Sie spielten im Film „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ mit, für den sie darüber hinaus noch den Soundtrack schrieben. Ein peinlicher Flop.

Anschließend konzentrierten sich die Gibb-Brüder darauf, für Sängerinnen wie Barbra Streisand, Dolly Parton, Diana Ross oder Dionne Warwick Stücke und Alben zu komponieren und zu produzieren. So verliefen die achtziger Jahre relativ ruhig für die Bee Gees. Robin Gibb hatte 1983 immerhin mit der Single „Juliet“ einen Nummer-eins-Hit in Deutschland. Erst 1987 nahm das Trio wieder ein gemeinsames Studioalbum auf. Das Comeback gelang vor allem wegen des Songs „You Win Again“, mit dem die Bee Gees ein weiteres Mal ihr untrügliches Gespür für eingängige Melodien unter Beweis stellten.

Die Bee Gees sind mit über 100 Millionen verkauften Alben und gleich sieben Grammys eine der erfolgreichsten Bands in der Geschichte der Popmusik. 1997 wurde die Band in die „Rock ’n’ Roll“Hall-of-Fame aufgenommen. Seit dem Tod von Maurice Gibb im Jahr 2003 gab es keine weiteren Bee-Gees-Aktivitäten mehr. Robin Gibb veröffentlichte noch zwei Soloalben und machte zuletzt mit einer Denkmal-Initiative für die britischen Bomberpiloten des Zweiten Weltkriegs von sich reden. Im Februar besuchte der Sänger, der erst kurz zuvor eine Krebstherapie beendet hatte, sichtlich gerührt die Baustelle des Memorials im Londoner Green Park. Zu Ehren von Soldaten gab Robin Gibb auch sein letztes Konzert: Die Benefiz-Show im Londoner Palladium widmete der zerbrechlich wirkende Musiker mit den typischen getönten Brillengläsern den versehrten Mitgliedern der Streitkräfte.

Jetzt hat Robin Gibb seinen letzten Kampf gekämpft. Er wurde 62 Jahre alt.

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