Kultur : Pop macht Plop

Kai Müller

Als die amerikanische Rockband Nirvana im September 1991 mit "Nevermind" ihre zweite Platte veröffentlichte, wurden die Charts von den Mariah Careys und Michael Boltons dominiert, erinnert sich Schlagzeuger Dave Grohl. "Wir dachten, wir würden mal wieder was für den Underground machen." Doch "Nevermind" erklomm binnen weniger Wochen die Hitlisten. Niemand hatte die Öffentlichkeit auf den scharfen, kompromisslosen Gitarrenrock vorbereitet, in dem sich die ganze Frustration der vom amerikanischen way of life angewiderten "Generation X" entlud. Jetzt, zehn Jahre nach dem Durchbruch des furiosen Trios um den depressiven und von Selbstzweifeln geplagten Kurt Cobain, der sich 1994 das Leben nahm, hätte eine CD-Box der Band erscheinen sollen - mit altem, noch unbekanntem Material. Doch stattdessen ist ein hässlicher Streit entbrannt. Während Cobains Weggefährten Grohl und Krist Novoselic auf ihrem schöpferischen Anteil am Nirvana-Erbe bestehen, behauptet Cobains Witwe und Alleinerbin, Courtney Love, die Band habe praktisch nur aus dessen Genie bestanden.

Eine Petitesse, gewiss. Trotzdem ist es kein Wunder, dass das Gerangel um den tragischen Star nicht nachlässt. Er ist das, was der Pop-Industrie heute fehlt: eine Galionsfigur, die Positionen des Underground mit den Bedürfnissen der Masse vereint. Und als Stimme unverzichtbar ist.

Auf die meisten Superstars des Pop scheint die breite Öffentlichkeit mittlerweile verzichten zu können. So erlebten Mick Jagger und Michael Jackson im vergangenen Jahr herbe Rückschläge. In England, wo Jagger als Nationalheiligtum gilt, wurden am ersten Verkaufstag seiner LP "Goddess In The Doorway" klägliche 954 Exemplare abgesetzt. Und obwohl Jacksons "Invincible"-Album in den USA 1,6 Millionen Interessenten gefunden hat, blieb es angesichts von etwa 30 Millionen Dollar Produktionskosten eine Enttäuschung.

Zuletzt wurde die einstige Soul-Hoffnung Mariah Carey abserviert. Erst war ihr von Virgin ein Vertrag über sagenhafte 118 Millionen Dollar offeriert worden, dann erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, drehte einen blassen Film und wurde nach einem dreiviertel Jahr von der Plattenfirma schon wieder fallengelassen.

Scheinbar ohne Muster ereilt es die Großen und Supergroßen. Makellose Pop-Karrieren zerfallen binnen weniger Wochen zu Staub. Obwohl die Branche von solchen Missgeschicken lebt, klingt das Geheul der Pop-Manager schärfer als gewöhnlich. Umsatzeinbrüche von geschätzten 11 Prozent für 2001 treffen die Industrie schwer. Grund soll die Einführung preiswerter CD-Brenner sein, die den seit 1998 anhaltenden Negativtrend (minus 2 Prozent) eskalieren ließ. Zum ersten Mal sind in Deutschland mehr CDs gebrannt (190 Millionen) als verkauft worden (170 Millionen). Schon 2000 beliefen sich die Einbußen durch Musikpiraterie nach Angaben des Bundesverbandes der Phonoindustrie auf 330 Millionen Euro. Privatkopien sollen einen Schaden von 400 Millionen verursacht haben. Bei einem Gesamtumsatz von 2,4 Milliarden entstehen der Musikindustrie allein dadurch Verluste von 23 Prozent. Das Umsatzniveau ist auf den Stand von 1992 zurückgegangen.

Angesichts der Ohnmacht, die die Tonträgerindustrie gegenüber dem grassierenden Ohrenraub empfindet, verschärft sich die Tonlage. So werden die Stimmen immer lauter, die ein Einschreiten des Staates fordern. "Kopierer sind Vielnutzer, die ohne Qualitätsverlust digitale Klone herstellen dürfen", erklärt Hartmut Spiesecke vom deutschen Phonoverband (IFPI). Mit der alten Tradition, sagt er, seine Platten auf Kassetten zu überspielen, habe das nichts mehr zu tun. Technisch gesehen geraten massenhaft Originale in Umlauf, denen lediglich das Cover fehlt.

Da diese copy culture durch Verschlüsselungstechniken noch nicht wirksam einzudämmen ist, hat die Industrie etwas anderes erfunden - einen "Kulturauftrag". "10 000 Kopien verhindern eine Nachwuchsband", meint Spiesecke. Die Folge: Es werde immer weniger Platten geben, aber mehr Mainstream. Das wollen offenbar auch die nicht, die an der Massenware am meisten verdienen. Die Major-Label sehen sich einem Subventionsgeschäft verpflichtet, bei dem die big shots all jene Künstler mitfinanzieren, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen oder künstlerisch Außenseiter bleiben.

Doch der Spielraum selbst großer Konzerne wie Universal oder Warner ist eng bemessen. Während Eminems "Marshall Mathers LP" vor einem Jahr noch mit neun Millionen Exemplaren zum meistverkauften Album wurde, erreichte Linkin Parks "Hybrid Theorie" 2001 knapp die Hälfte. Und das in einer Branche, in der höchstens zehn Prozent aller Veröffentlichungen die Produktions- und Werbekosten wieder einspielen - und sogar nur fünf Prozent eine Chartplatzierung erreichen.

"Es werden viel zu viele One-Off-Projekte entwickelt", räumt Warner-Chef Bernd Dopp ein. Wer sich nicht auf Anhieb durchsetzen kann, wird abgeschoben. Kleinere Firmen wie das in Berlin ansässige V2-Label, das sogar mit einem Umsatzrückgang von 25 Prozent rechnet, braucht pro Jahr mindestens einen Künstler, der in Deutschland über 600 000 CDs verkauft. Im vergangenen Jahr haben das nur die von Universal betreuten No Angels geschafft.

Tatsächlich wird Musik von der unbegrenzten CD-Vervielfältigung entwertet. Es ist Jugendlichen schwer begreiflich zu machen, dass sie für etwas, das sie umsonst bekommen können, bezahlen sollen. Musik wird ihnen so sehr als selbstverständlicher Bestandteil des Alltags schmackhaft gemacht, dass sie von deren freier Verfügbarkeit ausgehen müssen. Mit 30 000 neuen Produkten pro Jahr ist der deutsche Markt nicht nur übersättigt, er hat auch ein Unterhaltungsproletariat geschaffen, dem fremdes, geistiges Eigentum ziemlich gleichgültig ist. Appelle an das Rechtsempfinden wirken wie rührende Spendenaufrufe.

Dem romantischen Ideal des digitalen Freibeutertums hat die Pop-Industrie wenig entgegenzusetzen. Zementiert ihr Gebaren doch eine eisige Apparatur, ein herzloses, tönernes Unterhaltungsmonstrum, das sich von Planwirtschaft kaum unterscheidet. "Wenn man von Flensburg zum Bodensee fährt, hört man im Radio denselben Song dreißig Mal", sagt Dopp. "Er wird einfach zu Tode gespielt." Und sein Kollege Willy Ehmann von V2 Records fügt hinzu: "Popmusik hat den Stellenwert von vor zehn Jahren verloren, als der Erwerb einer Platte für Fans außer Frage stand. Seitdem ist qualitative Musik praktisch nicht mehr in die Charts vorgedrungen." Wie soll da das Bewusstsein wachsen, dass Pop eben nicht jedem Zugriff verfügbar ist? Selten tritt hinter den technisch ausgefeilten Hochglanz-CDs die unverkennbare Handschrift eines Künstlers oder einer Band zu Tage, der sich Bevormundungen entzieht.

Pop ist bis in kleinste Nischen hinein erschlossen - doch die Mitte ist ihm abhanden gekommen. Keine Musikrichtung, geschweige denn ein einzelner Star, könnte heute den Sound der Zeit diktieren. Ein Symptom für die schwindende Integrationskraft der Popkultur?

Es ist paradox, dass ausgerechnet einem Rebell wie Kurt Cobain, der sein immer biederer werdendes Publikum abgrundtief hasste, diese Kraft eigen war. Dass seine Frustration sich in aggressiven Verweigerungsgesten entlud, konnte die allgemeine Bewunderung nicht dämpfen.

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