Pop : Mantras und Motorräder

George Harrison war ein Mann der Extreme: Das zeigen eine Biografie und eine DVD-Dokumentation, die jetzt unter dem Titel "Living In The Material World" erscheinen. Den Film hat Martin Scorsese gedreht.

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Sechs dürre Zeilen schrieb George Harrison am 10. Januar 1969 in seinen Kalender. Der dritte Punkt der skizzenhaften Tagesbeschreibung hat es in sich: „Left the Beatles“ steht dort. Die rote Kugelschreiberschrift wirkt gleichmäßig und ruhig. Vielleicht war Harrison schon während des Schreibens klar, dass er seine Band nicht endgültig verlassen würde. Schließlich hatte er während der Aufnahmen zum Weißen Album schon einmal hingeschmissen und es sich dann anders überlegt. Zum Glück besann er sich ein weiteres Mal. Und so konnten die bereits völlig zerstrittenen Beatles drei Monate später mit den Aufnahmen zu ihrem letzten Meisterwerk „Abbey Road“ beginnen – mit zwei großartigen Songs von Harrison, dem „stillen Beatle“.

Harrisons Tagebucheintrag ist ein Dokument aus dem Herzen einer untergehenden Band. Er enstammt seinem umfangreichen Nachlass, den seine Witwe Oliva Harrison nun erstmals zugänglich gemacht hat. Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes erscheinen eine schöne Bildbiografie und ein dreieinhalbstündiger Dokumentarfilm von Martin Scorsese, die beide den Titel „George Harrison: Living In The Material World“ tragen. Das ist nicht nur eine Anspielung auf das gleichnamige Album von 1973, sondern deutet auch auf einen Grundkonflikt im Leben des Gitarristen hin: Spirituelle Werte waren dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Musiker schon früh wichtiger als Materielles. Er war ein Suchender, jemand, der sich seiner Sterblichkeit stets bewusst war und gleichzeitig den irdischen Freuden sehr zugetan.

In der nun als Doppel-DVD herauskommenden Dokumentation von Scorsese, dem Olivia Harrison auch aufgrund seines BobDylan-Films „No Direction Home“ Vertrauen schenkte, wird George Harrison immer wieder als Mann der Extreme beschrieben. Ringo Starr spricht in seinem warmherzigen und witzigen Interview von zwei Persönlichkeiten. Die „eine voller Liebe und Perlenketten“, die andere wütend. „Er war sehr schwarz und weiß.“ So vertiefte er sich einerseits in Meditationen und Gebete, begeisterte sich aber auch für die Formel 1 und Motorräder. Einmal erlaubte er sogar einem Hell’s-AngelsTrupp, mehrere Tage im Gebäude der Beatles-Firma Apple zu hausen – was dort für einen Kulturschock sorgte.

Fünf Jahre lang arbeitete Scorsese an dem Porträt, das chronologisch aufgebaut ist. Paul McCartney beschreibt den Schulkameraden so: „Er war ein aufgeblasener kleiner Kerl, ziemlich selbstsicher und ließ sich durch nichts einschüchtern. Und seine Frisur war klasse.“ Nach einem Gitarren-Vorspiel im Oberdeck eines Liverpooler Busses stimmte John Lennon zu, ihn in die Band aufzunehmen. Das jüngste von vier Geschwistern, Jahrgang 1943, wurde jüngstes Mitglied der künftigen Beatles.

Hamburg, Beatlemania, Indien – im schwächeren ersten Teil zeigt der Film die bekannten Stationen, ohne neue Perspektiven zu entwickeln. Eine Bereicherung sind allerdings die Fotos, die Harrison in dieser überdrehten Zeit gemacht hat. Besonders die Porträts seiner Bandkollegen faszinieren, weil sie die große Nähe zwischen den jungen Männern spiegeln. Später hatte Harrison diverse Schmalfilm- und Videokameras, einige seiner Aufnahmen sind in der Dokumentation zu sehen.

Die Liste der Interviewpartner in „Living In The Material World“ ist beeindruckend. Sie reicht von McCartney und Ringo Starr über Eric Clapton, Klaus Voormann, Ravi Shankar, Olivia Harrison, Tom Petty und Terry Gilliam bis hin zu Eric Idle, dessen Hauptrollen-Erfolg mit „Das Leben des Brian“ Harrison ermöglichte, indem er den Film mit vier Millionen Dollar finanzierte. Immer wieder zeigt sich, wie vielfältig die Interessen des Gitarristen waren, dessen Songwriting-Talent erst ab Mitte der Sechziger zu blühen begonnen hatte, das dann aber stets im Schatten von Lennon und McCartney stand. Was sich alles angestaut hatte, bekam Phil Spector zu hören, als er 1970 mit Harrison an dessen Solo-Album „All Things Must Pass“ arbeitete – einer Dreifach-LP. Der Produzent sitzt mittlerweile wegen Mordes im Gefängnis, seine Statements wurden offenbar kurz vor seiner Verurteilung aufgenommen. Mit Perücke, Nadelstreifenanzug und Einstecktuch sieht er zwar etwas seltsam aus, doch er spricht konzentriert und voller Bewunderung über den perfektionistischen Harrison, der zwölf Stunden am Gitarrensolo von „My Sweet Lord“ herumbastelte. Den Plagiatsprozess, den Harrison wegen der Single mit dem Hare-Krishna-Mantra später verlor, erwähnt Scorsese nicht. Dafür gibt es Ausschnitte aus alten Interviews mit dem Sitar spielenden und Ukulelen liebenden Musiker. Einmal ist er wie auf dem Cover von „All Things Must Pass“ in Gärtnerskluft umringt von Gartenzwergen zu sehen, im Hintergrund Bäume seines Anwesens Friar Park in Henley-on-Thames.

Die Arbeit im Garten war eine weitere große Leidenschaft von Harrison. Sein Sohn Dhani, der im Off Briefe und Tagebücher seines Vaters zitiert, dachte sogar bis zu seinem siebten Lebensjahr, Harrison sei von Beruf Gärtner. Nachdem Schulkameraden ihn mit einer „Yellow Submarine“-Parodie aufgezogen hatten, stellte er den Papa zur Rede: „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du bei den Beatles warst?“ Und er sagte: „Oh, tut mir leid. Das hätte ich dir wohl erzählen sollen.“ Manchmal war er wirklich „der stille Beatle“.

„George Harrison: Living In The

Material World“, 2 DVDs, Studiocanal.

Illustrierte Biografie. Knesebeck Verlag, München, 399 S., 39,95 €.

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