Pop-Sängerin Robyn : "Body Talk" aus Schweden

Mit ihrer eigenen Plattenfirma will die schwedische Pop-Sängerin Robyn den Dancefloor revolutionieren. Dabei stellt sie sich nicht in perfektes Licht, greift aber auch andere an: Jungs zuallererst.

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Sie kann nicht so perfekt tanzen wie Madonna, nicht so gut singen wie Lady Gaga – und geht zum Lachen in den Keller. Der schwedischen Popsängerin Robyn traut man eher zu, dass sie Arme brechen kann wie die „Millennium“-Ermittlerin Lisbeth Salander als Herzen wie die Pop-Götter Abba. Und doch ist Robyn das Kunststück gelungen, mit ihrem melancholischen, manchmal miesepetrigen Synthie-Pop die Massen für sich einzunehmen. Das versucht die 31-Jährige nun ein weiteres Mal, auf eigensinnige Weise: Mit einer Trilogie von Mini-Alben, deren erster Teil „Body Talk Pt. 1“ gerade erschienen ist. Die nächste EP soll im Spätsommer folgen.

Auf dem ersten Stück der neuen Platte, das „Don’t Fucking Tell We What To Do“ heißt, schlägt Robyn gleich einen ziemlich aggressiven Ton an. Getrieben von einem elektronischen Beat zählt sie wahllos und monoton Dinge und Personen auf, die sie nerven: Rauchen, Trinken, Manager, Mutter, Freund, Plattenfirma – alles und jeden watscht die Schwedin mit den hochgefönten Haaren erst einmal ab.

Um diese Wut zu verstehen, muss man auf die Anfänge von Robyns Karriere schauen. Die Tochter zweier Theatermacher steht schon mit neun Jahren das erste Mal auf der Bühne. Mit 16 erscheint ihr Debütalbum in Schweden, und zwei Jahre später steht die Single „Show Me Love“ in den schwedischen, britischen und amerikanischen Top Ten. Damals, kurz nach dem ersten Erfolg, Robyn trägt noch einen niedlichen Bubi-Haarschopf, dämmert der Sängerin, was ihre Plattenfirma von ihr erwartet – und das sind auf keinen Fall eigene Ideen. Sie soll singen, was die Firma ihr vorschreibt. Als sie schließlich als „schwedische Christina Aguilera“ beworben wird, platzt ihr der Kragen. Robyn, die eigentlich Robin Miriam Carlsson heißt, wechselt zu einem anderen Label.

Doch dort wird ihre Musik lediglich in Skandinavien und Großbritannien veröffentlicht. Und so kauft sich die Künstlerin aus dem Vertrag heraus, gründet die eigene Plattenfirma Konichiwa Records und beginnt mit den schwedischen Elektro-Pionieren The Knife und dem Produzenten Klas Ahlund zusammenzuarbeiten. Das Album „Robyn“ schießt 2005 an die Spitze der Charts, es dauert noch zwei Jahre, bis die Platte auch das restliche Europa erobert. Die Synthie-Ballade „With Every Heartbeat“ erreicht sogar Platz Eins in England, was den Nebeneffekt hat, dass Madonna auf Robyn aufmerksam wird und sie für ihre „Sweet and Sticky“-Tour im Vorprogramm einspannt.

Robyns Karriere ist ein David-Sieg der Individualkünstlerin über die Goliath-Industrie. Die Musikerin verkörpert das Selbstermächtigungsprinzip, wobei das Scheitern mit einkalkuliert ist. Doch dieses Risiko geht Robyn gern ein, denn schließlich triff sie jetzt alle Entscheidungen selbst. Sie scheut sich auch nicht, die neuen Lieder schon live zu präsentieren, bevor sie perfekt einstudiert sind. Bei einem konzerngelenkten Pop-Produkt wäre so etwas undenkbar. So kündigt Robyn, als sie Mitte Mai im Berliner Berghain auftritt, das Konzert als eine Art Generalprobe an.

Sie kokettiert mit ihrer Fehlbarkeit. So steckt nicht jeder Stöpsel in der richtigen Steckdose, es hakt ein paar Mal an der Technik. Auch die Piepsigkeit ihrer Stimme kaschiert die Sängerin nicht. Es ist ein ehrliches Mini-Konzert, ein ungeschminkter Work-in-Progress.

Mehr darf man sich auch von „Body Talk Pt. 1“ nicht erhoffen. Die acht Titel sind nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ zusammengeschraubt. Ein umspannendes Motiv fehlt, es gibt vier peitschende Club-Hits, einen seichten Radio-Popsong, einen Dancehall-Titel und zwei Balladen. Der große Nachteil des Albums ist gleichzeitig sein Vorteil: Es gab offenbar kein Korrektiv, keine Stimme, die zur Nachbesserung mahnte. So jemand kommt Robyn nicht ins Studio.

Überraschenderweise funktioniert das Album trotzdem. Robyn zitiert die Eurodance-Scheiben von Technotronic und Snap, die in den frühen neunziger Jahren die Hitparaden dominierten, sie beschleunigt den Sound ein wenig und verankert ihn mit kleinen Gimmicks wie Halleffekten und schnarrenden Loops im Hier und Jetzt. Manche Instrumentals könnten abgespeckt im Club der Visionäre oder in der Panoramabar laufen. Und damit erfüllt die EP ihren Zweck: Sie schlägt die Brücke zur Geschichte der Tanzmusik, von den Großraumclubs der Gegenwart reicht die Musik hinüber in die Großraumdiscos der Vergangenheit.

Die Texte kreisen um die Themen Kleinstadtmonotonie und Großstadtsehnsucht. Die Jungs können nicht tanzen („None of Dem“, produziert von den norwegischen Elektropoppern Röyksopp) oder sie baggern die falschen Mädchen an („Dancing On My Own“, die aktuelle Single) und alle brauchen Rauschmittel, um die unendliche Ödnis zu ertragen („Cry When You Get Older“). Damit gibt Robyn der Club-Generation eine Vorgeschichte, die das ständige Feiern in Zeiten der Perspektivlosigkeit wenigstens rudimentär erklärt. Robyn beweist mit „Body Talk“, dass man nicht dauernd gute Laune haben muss, um grundsätzlich sympathischen Pop zu machen. Mehr Drama, mehr Makel – das hat noch keiner Karriere geschadet.

Robyn: „Body Talk Pt. 1“, ist bei Konichiwa Records/Ministry of Sound erschienen.

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