Pop : Steinharte Tage

Valerie June spielt auf ihrem am Freitag erscheinenden Debütalbum "Pushin' Against A Stone" packenden Blues-Rock – eine Begegnung vor ihrem ersten Berliner Konzert.

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Handwerkerin. Valerie June stammt aus Tennessee und hat lange als Putzfrau, Babysitterin und Seifenmacherin gearbeitet. Foto: PIAS
Handwerkerin. Valerie June stammt aus Tennessee und hat lange als Putzfrau, Babysitterin und Seifenmacherin gearbeitet. Foto: PIAS

Ihre Worte strahlen die Weisheit einer alten Lady aus. Doch so wie Valerie June da auf der Sofakante hockt, die Knie eng aneinander und die Hände zwischen die Oberschenkel geklappt, sieht sie gleichzeitig eher mädchenhaft aus. Ihr Alter will die Musikerin allerdings nicht verraten. Die Menschen würden sich schnell in Zahlen verlieren, findet sie. In dieser amerikanischen Südstaaten-Stimme klingen einige bewegte Lebensjahre nach.

Der Weg zu ihrem Ende dieser Woche erscheinenden ersten Album war für die in Tennessee geborene Valerie June kein leichter. Es habe sich angefühlt, als wolle sie einen Stein den Berg hinaufschieben. Passenderweise heißt das Debüt „Pushin’ Against A Stone“. Sie sagt: „Manchmal, wenn du Schmerz empfindest, kannst du mehr über dich selbst erfahren, als wenn du diesem Kampf aus dem Weg gegangen wärst.“ Irgendwie schafft es Valerie June, dass solche Sätze bei ihr nicht altklug klingen. Sie hat in ihrem Leben viel geputzt, auf viele Kinder aufgepasst, in der U-Bahn Musik gespielt und nebenher selbst gemachte Seife verkauft.

Jetzt sitzt sie in einer Ferienwohnung ihres Plattenlabels in Berlin. Eine zierliche, große, schöne Frau in Jeans und roter Bluse – und mit einer beeindruckenden Menge an langen, leicht gewellten Dreadlocks auf dem Kopf. Die Frisur ist das eine, auf das die Musikerin immer wieder angesprochen wird. Noch viel häufiger fällt allerdings der Name Dan Auerbach, die eine Hälfte des Bluesrock-Duos The Black Keys, mit dem er drei Grammys und den Soundcheck Award gewann. Der 33-jährige Sänger und Gitarrist tut sich derzeit verstärkt als Produzent hervor, er hat unter anderem für Dr. John, Bombino und Hanni El Khatib gearbeitet – und jetzt auch Valerie Junes Debüt produziert.

Das Geld für die Aufnahmen hat sie über das Crowdfunding-Portal Kickstarter gesammelt: 15 000 Dollar gaben ihre Fans. Mit Konzerten hat sich die Musikerin, die aus einer kleinen Stadt auf halbem Weg zwischen Nashville und Memphis stammt, besonders in Memphis eine treue Anhängerschaft erspielt. Und obwohl Valerie June jetzt Profi-Musikerin ist, stellt sie gelegentlich immer noch Seife her. „Ich liebe es, Dinge mit meinen Händen zu machen,“ sagt sie und holt ihre Hände nun zwischen den Knien hervor. Lang und schmal sind ihre Finger, trotzdem kräftig. Das sind gute Hände, um damit zu arbeiten. Ihr Album beginnt mit dem „Workin’ Woman Blues“. Darin singt sie: „Ich bin nicht dafür geeignet, eine Mutter zu sein, ich bin nicht dafür geeignet eine Ehefrau zu sein, ich habe wie ein Mann gearbeitet, ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet.“

Auch das Gitarrespielen zu lernen war ein hartes Stück Arbeit. „Es hat ewig gedauert – ich lerne sehr langsam“, sagt sie. Ihre Vorbilder seien deshalb Menschen, die erst im hohen Alter für ihre Musik bekannt geworden sind, Blues-Größen wie Elizabeth Cotton oder Mississippi John Hurt. Ein bisschen muss man bei Valerie June auch an Charles Bradley denken, der kürzlich mit seinen 64 Jahren sein zweites Album veröffentlicht hat, oder an Sharon Jones, der mit über 50 Jahren der Durchbruch gelang. Vom Alter der beiden ist June zwar weit entfernt, aber ihre Musik hat eine ähnliche Tiefe.

„Pushin’ Against A Stone“ klingt nach hitzigen Sommertagen am Mississippi. Im „Workin’ Woman Blues“ zupft sie die Gitarre im Country-Stil, dazu gibt es dezentes Händeklatschen, Trompeten und einen stampfenden Bass, der den Blues mitbringt. Ein Song wie eine Zigarettenpause zwischen den Arbeitsschichten. Ein bisschen schwerfällig, aber gerade noch energiegeladen genug, um weiter anzutreiben. Der Stein muss schließlich noch ein Stückchen geschoben werden. Ähnlich hört sich das auch bei „You Can’t Be Told“ an, das Valerie June mit nach unten gezogenen Mundwinkeln zu singen scheint. Die wunderbar rumpelnde Nummer mit dem schneidenden E-Gitarren-Lick erinnert an die Black Keys. Zentral ist immer ihre Stimme: Egal ob sie brummt, leicht rotzig oder fast lieblich wird, sie bleibt markant und ab dem ersten Hören unverkennbar.

Auf der Bühne präsentiert sich die Musikerin eher dezent. Sie singt und spielt Gitarre, Banjo oder Ukulele. Einer ihrer bisher größten Auftritte fand in der britischen Fernsehshow „Later With Jools Holland“ statt. Valerie June trägt ein langes rosafarbenes Kleid. Die Nahaufnahme ihres Gesichtes zeigt: Augenringe. Der standesgemäße Look einer hart arbeitenden Frau.

Ob das Leben mit dem Stein denn jetzt nicht allmählich leichter werde? Valerie June muss lachen. Ein bisschen vielleicht? „Also nicht jeder Tag ist ein großer Stein. Manche Tage sind kleine Steine. Aber sie sind immer da.“ Immerhin versucht sie jetzt nicht mehr, auch noch ihre eigene Bookerin und Managerin zu sein. „Viele Frauen sagen: Lass’ mal, ich mach das selbst. Also gehen wir da rein, machen uns die Hände schmutzig, aber du kannst einfach nicht alles machen und überall sein.“

Auch für diese Weisheit gibt es den passenden Song auf ihrem Album. Fast wünscht man sich, dass diese Frau noch ein paar Steine in ihrem Leben schieben muss – die Lieder, die dabei entstehen, sind jedenfalls packend und schön.

Valerie June: „Pushin’ Against A Stone“ (PIAS) erscheint am 3.5., Konzert am 29.4., 21 Uhr, Prince Charles, Prinzenstraße 95 F

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