Kultur : Pop! Stolizei!

Spontis, Kiffer, Anarchos: Eine Ausstellung zum 60. feiert den knollennasigen Comic-Kosmos des Gerhard Seyfried

Philipp Lichterbeck
gerhard seyfried Foto: Mike Wolff
Wimmelfimmel. Der Zeichner in seiner Schöneberger Wohnung. -Foto: Mike Wolff

Vielleicht liegt der Schlüssel zum Verständnis des Gerhard Seyfried in einer Episode aus früher Kindheit. Mitte der 50er Jahre erhielt sein Vater ein Schreiben von der frisch gegründeten Bundeswehr. Kommen Sie als Major zu uns, Gegenleistung: Dienstwagen und ein Haus. Seyfrieds Vater, einst Soldat bei der Wehrmacht, dann Kriegsgefangener, lebt mit der Familie in armseligen Verhältnissen in München-Pasing. Er schreibt zurück: „Lecken Sie mich am Arsch. Hochachtungsvoll, Ihr Fritz Seyfried.“ Auf den kleinen Gerhard macht das einen solchen Eindruck, dass er noch heute stolz von dem Brief berichtet.

Tatsächlich finden sich hier bereits alle drei Elemente, die Seyfrieds nunmehr 40-jährige Karriere als Comiczeichner (und spätberufener Romancier) ausmachen: Aufmüpfigkeit, Geschichtsbewusstsein und natürlich: Komik.

Seyfried steht in der Küche seiner Schöneberger Erdgeschosswohnung. Er trägt schwarze Socken, schwarze Hosen und ein schwarzes Hemd, das leicht über dem Bauch spannt. Eine „üble Backenzahngeschichte“ hat er gerade hinter sich gebracht, ebenso einen Wasserrohrbruch im Bad. In der Linken hält er eine Tasse mit Filterkaffee, mit der Rechten fingert er ein Stück Fertigkuchen aus der Verpackung. „Industriemist“, sagt er und beißt zu. Kräftige Kiefer mahlen im rundem Schädel, das dünne Haar liegt akkurat Richtung Nacken gekämmt.

Morgen feiert Seyfried seinen 60. Geburtstag. Die Kreuzberger Galerie Vorspiel eröffnet deshalb heute zu Ehren des „Sprechblasen-Brueghel“ („Stern“) eine große Seyfried-Schau mit Originalzeichnungen und einer Geburtstagsrevue. Mit dabei: der Grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele, für den Seyfried die Wahlplakate malt, und der Autor und Verschwörungstheoretiker Mathias Bröckers, der mit Seyfried für die Legalisierung von Cannabis streitet. „Wie Mozart brauche ich Gras für die Konzentration“, sagt Seyfried. Dafür mache er sich nichts aus Fernsehen und Alkohol.

Seyfried spricht mit sanftem bayerischem Akzent, das „r“ rollt, das „a“ wird zum „oa“. Nur ab und zu sagt er „ick“ und findet das selbst „ziemlich schräg“. Aber das sei wohl nicht zu vermeiden, nach so langer Zeit in „dieser Ansammlung größenwahnsinniger Dörfer“. 1978 beginnt Seyfrieds Leben in Berlin. In München ging seine Zwölfer-WG in die Brüche, in Moabit hatten Bekannte ein Zimmer frei.

Im gleichen Jahr erscheint ein erstes Heft mit Cartoons. Von dem kleinen Band „Wo soll das alles enden“ verkaufen sich sensationelle 300 000 Exemplare. Seyfrieds Zeichnungen tumber Polizisten und lustiger Anarchisten treffen das Lebensgefühl der Spontis, Hascher und Spaßguerilleros der 70er und 80er Jahre. Die Anarchisten rufen verzückt „Haschisch!“, die Uniformierten antworten: „Gesundheit!“ Auf einer vom Vorschuss finanzierten Amerikareise findet Seyfried den Band in einer Buchhandlung in Berkeley und trinkt mit US-Undergroundzeichnern sein erstes Bier. Erleichtert stellt er fest: „Ich bin jetzt Zeichner von Beruf und nicht mehr Berufslinker.“

Für Letzteres hatte er sich noch gehalten, als er Mitte der 70er als Gestalter bei Deutschlands erstem Stadtmagazin, dem Münchner „Blatt“ begann. Die Unzulänglichkeiten des Layouts füllte er mit spontanen Zeichnungen, nach denen die Leser regelrecht süchtig wurden. Das Wortspiel „Pop! Stolizei!“ wurde zu einem geflügelten Wort. Im Rückblick hält Seyfried seine Cartoons sogar für „astreine Geschichtsschreibung“. Alles stimmte: die Kleidung, der Habitus, die Drogen.

Auf dem Tisch in seinem geräumigen Arbeitszimmer liegt ein Zeichenblock mit einer Skizze: ein erster Entwurf für ein Plakat gegen den Weiterbetrieb des Flughafens Tempelhof, wie ihn die Berliner CDU und die Springerpresse fordern. „Es wird eins meiner typischen Wimmelbilder“, erklärt Seyfried. Das Genre hat er erfunden, Berliner jeglicher Art tummeln sich darin: Spießer, Punks, Nazis, Hippies und Hunde. Ob er auch wieder eine verhohnepiepelte Schlagzeile seines Lieblingsblatts „BZ“ unterbringen wird („Sandsturm verwüstet Sahara!“), weiß er noch nicht.

Neben Seyfrieds Schreibtisch hängt seine dann doch enttäuschende Polizeisternsammlung. Ganze zwei Exemplare, und Seyfried hat sie nicht mal selbst von der Polizeimütze „gepflückt“, wie seine Figuren es tun. „Meine Waffe war immer der Stift“, sagt er und betont, dass er die Polizisten nie verächtlich gemacht habe, nur den einen oder anderen „knüppelscharfen“ CDU-Innensenator.

Auf einer Wandlänge hat Seyfried seine quietschbunten Werke in chronologischer Reihenfolge aufgestellt. Am Ende protzt eine vier Kilo schwere Gesamtausgabe, die gerade bei 2001 erschienen ist, darin natürlich legendäre Erzählungen wie „Invasion aus dem Alltag“ (1978) oder „Flucht aus Berlin“ (1994). Ein zweiter Band mit Cartoons, Karikaturen und Plakaten ist in Arbeit. Neben dem Gesamtwerk fallen zwei kleinformatige Bücher auf, Romane. Hier beginnt die andere Seite des Gerhard Seyfried, die ernstere, vielleicht reifere. 2003 überraschte er mit dem furztrockenen 600-Seiten-Roman „Herero“ über die Kolonialzeit in Deutsch-Südwestafrika, der sich 50 000 Mal verkaufte. Davon kann man ja leben!, stellte Seyfried fest. Schnell ließ er den Roman „Der schwarze Stern der Tupamaros“ folgen, über die Studentenrevolte der 70er Jahre in München. Und nun hat er nach drei Jahren akribischer Recherche einen historischen Roman über die Rolle des deutschen Kaiserreichs bei der Niederschlagung des Boxeraufstands in China beendet. Im Mai soll „Gelber Wind“ im Eichborn-Verlag erscheinen.

Es klingelt. Seyfrieds engste Vertraute steht vor der Tür: Mit der Autorin Ziska Riemann hat er mehrere Comics gemacht. Jetzt braucht die 34-Jährige wegen des BVG-Streiks ein Fahrrad. Es sei gut, sagt sie, dass der Gerd mal gefeiert werde. Denn eigentlich wollte er seinen Geburtstag mal wieder nicht an die große Glocke hängen.

Trotz des Erfolgs ist Seyfried bescheiden geblieben. Stolz sei er nur darauf, dass er mal einen Panzer geschmolzen habe. Denn Seyfried war beim Bund. Ganze drei Monate. Dann bescheinigte ihm ein Psychiater, dass er keine Kopfbedeckungen tragen könne. Er wurde entlassen. Nicht aber ohne vorher nachts heimlich einen M113 zu besteigen, den Motor anzulassen und abzuhauen. „Der Panzer lief heiß, und die Aluminiumhülle schmolz.“ Womit wir wieder bei den drei von Vater Seyfried vorgelebten Idealen wären.

Die Seyfried-Retrospektive in der Galerie Vorspiel eröffnet heute um 19 Uhr (Falckensteinstr. 47, Kreuzberg).

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