90. Geburtstag : Der unbeugsame Pete Seeger

Er hat es nicht getan. Ist nicht beim Newport Folk-Festival 1965 mit einer Axt auf das Stromkabel losgegangen, das Bob Dylans erstem elektrischem Konzert den Saft lieferte. Die Legende hält sich trotzdem. Denn sie passt zu einem Mann, der als Gründervater der amerikanischen Folk-Renaissance gilt, der klare politische Botschaften liebt und Rockmusik für Vandalismus hielt.

Kai Müller
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Pete Seeger.

Annie Leibovitz stellt ihrem Bildband „American Music“ zwei Fotos voran. Eines davon zeigt Pete Seeger am Ufer des Hudson in Upstate New York. Er hat eine orangefarbene Fischerhose an, und über der Schulter baumelt sein fünfsaitiges Banjo mit der Aufschrift: „Diese Maschine umzingelt den Hass und zwingt ihn zur Aufgabe.“ Sie ist abgeleitet von Woody Guthries Gitarreninschrift „This machine kills fascists“.

Noch immer bekennt sich Seeger, der Umweltaktivist und Bürgerrechtler, der heute 90 Jahre alt wird, zu dem Engagement, das ihn und Guthrie zu Wortführern der Linken werden ließ. Diese Welt betrat Seeger als Sohn eines Musikwissenschaftlers und Komponisten. Als er Pete im Soziologiestudium scheitern sah, machte er ihn mit Alan Lomax bekannt, dem Vater folkethnologischer Forschung. Pete Seeger wurde Lomax‘ Assistent und begab sich auf eine lebenslange Reise zu den Songs. Die Missstände, die sie benannten, waren sozialer Sprengstoff. Zumal wenn sie in die Hände des Kommunisten Woody Guthrie gelangten. Mit ihm tat sich Seeger 1941 zu den Almanac Singers zusammen. Sie sangen Gewerkschafts- und Arbeiterlieder und zehrten vom Idealismus des „New Deal“. Dann zog Seeger in den Krieg – auch das aus Überzeugung. Als er zurückkehrte, rief er die The Weavers ins Leben. Seeger zeigte nun sein Talent für eingängige Folk-Nummern wie „On Top Of Old Folkie“, „Guantanamera“ und „Wimoweh“.

In der McCarthy-Zeit gerieten The Weavers massiv unter Druck und lösten sich 1952 auf. Seegers Name stand lange auf schwarzen Listen. Anfang der sechziger schüttelte er für andere eine Reihe Hits wie „Where Have All The Flowers Gone“ oder „Turn Turn Turn“ aus dem Ärmel. Aber seine Songs, darunter „If I Had A Hammer“, sollten stets auch Waffen sein. „We Shall Overcome“ geriet zur Hymne der Bürgerrechtsbewegung.

Zwei Jahre später fauchte Seeger den Dylan-Tross an, sie sollten „den Sound runterdrehen, das ist viel zu laut“. Dass Seeger Dylans Liedtexte nicht mehr verstehen konnte, brachte ihn gegen die ganze Musik auf. Erst Bruce Springsteen hat den verstummten Alten 2006 mit den hochgelobten „Seeger-Sessions“ wieder rehabilitiert. Als es Amerika richtig dreckig ging, wusste es sich nicht anders zu behelfen, als mit den Songs eines Unbeugsamen.

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