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Depeche Mode: Messe für die Masse

Ihre Wohnung: in Charlottenburg. Ihre Lieblingsbar: am S-Bahnhof Yorckstraße. In den 80ern lebten Depeche Mode in Berlin – jetzt spielen sie vor über 60.000 Fans im Olympiastadion.
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Standing by the Wall. Depeche Mode in den Achtzigern in Berlin. Foto: Marion Schult
Etwas nervt es ja schon, dieses 61 Mal in einem Lied wiederholte Wort „Wrong“, diese ungebrochene, lustvoll-masochistische Attitüde eines aus Zeit und Raum gefallenen modernen Hephaistos. Der auf der Bühne landet, um mit überlebensgroßen Gesten, sakralem Gesang und den lasziven Bewegungen seines nackten, sehnigen Oberkörpers für seinen Welt- und Selbstschmerz abertausende Verbündete zu finden: „Es ist etwas falsch mit mir / Chemisch. Etwas falsch mit mir / Von Grund auf“, heißt es in „Wrong“ vom neuen Depeche-Mode-Album „Sounds of the Universe“, das sich seit Wochen oben in den Charts hält.

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Seitdem es die Band mit Frontmann Dave Gahan gibt, und das sind jetzt bald 30 Jahre, gehört der große Moment, das Theatralische, das Erlösende genauso wie das Seelenfängerische zu ihren Liedern und ihren von Bildmeister Anton Corbijn inszenierten, Massenmessen ähnelnden Auftritten: Mehr als 14 Millionen Konzertbesucher und mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger stehen für eine der größten und enthusiastischsten Fangemeinden der Welt, die vor allem in Berlin zahlreiche Anhänger hat.

Jeden Monat finden in der Stadt fest etablierte Depeche-Mode-Motto-Parties statt, die nach wie vor rege besucht werden. Auch die Band selbst hat einen engen Bezug zu Berlin: So nahmen sie in den 80ern in den berühmten Hansa-Studios in Kreuzberg zwei ihrer Platten auf, Gründungsmitglied und Songschreiber Martin Gore lebte von 1985 bis 1987 gar in Charlottenburg, oft feierten sie in der legendären „Risiko Bar“ am S-Bahnhof Yorckstraße. Durch ihr Video zu „Everything counts“ brausen ständig die Züge der Linie U1. Und im Frühjahr 1988 spielten sie sogar bei einer FDJ-Party in der Werner-Seelenbinder-Halle in Prenzlauer Berg; Eintritt damals: 15 Ost-Mark.

Das Konzert am Mittwoch im Olympiastadion – es ist neben dem Auftritt der irischen Rockband U2 am 18. Juli das einzige Konzert in diesem Sommer in der Arena – vor einer Kulisse von mehr als 60 000 Besuchern wird dieser Berliner Erfolgsgeschichte wohl ein weiteres Kapitel hinzufügen. Viele Fans werden extra zu diesem Konzert aus ganz Europa anreisen.

Für Depeche Mode aber sind es schwere Wochen. Sänger Dave Gahan, 47, wurde Ende Mai nach einer kurzfristig angesetzten Operation in seiner Wahlheimat New York ein bösartiger Blasentumor entfernt, der erst kurz zuvor entdeckt worden war. Das Eröffnungskonzert in Tel Aviv am 10. Mai konnten Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher noch geben, bevor der Sänger erkrankte und die weiteren Konzerte bis zum heutigen Konzert in Leipzig abgesagt oder verschoben werden mussten.

Wegen der Ausdauer, Energie und Intensität, mit der sich die Band trotz persönlicher Krisen in den Stadien der Welt feiern lässt, und weil das zwölfte, vom Sound analoger Synthesizer knarzende und scheppernde Album mehr bietet als die monotone, seltsam blutarme Singleauskopplung „Wrong“, gibt es viel Gutes über Depeche Mode zu sagen: Über geniale Songs wie „People Are People“, „Master and Servant“, „A Question of Time“, „Never Let Me Down Again“ oder „Enjoy the Silence“ etwa. Oder darüber, dass die Hohepriester des schwarzen Pop bei aller auf der Bühne zelebrierten Transzendenz im direkten Kontakt mit ihren Fans immer noch wie die netten Jungs von nebenan wirken. Mit denen die Massen gemeinsam in der Musik Erlösung suchen – ein nie endender Tanz.

Olympiastadion, 10. Juni, 19.30 Uhr

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.06.2009)
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Kommentare [ 6 ] Kommentar hinzufügen »

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von lars3110 lars3110 ist gerade offline | 8.6.2009 11:51 Uhr
Nun ja, für den Tagesspiegel ausreichend.
Ich weiß gar nicht wo ich anfangen und aufhören soll mit Ergänzungen und Richtigstellungen zu obigem Artikel.

Über Geschmack lässt sich streiten, aber wer den Song "Wrong" blutarm und monoton nennt, der eignet sich schlecht als Musikkritiker.

Das Eröffnungskonzert fand übrigens nicht am 10.05. in Tel Aviv statt, sondern am 06.05. in Esch/Luxemburg (Ich muss es wissen, ich war da.), es wurde kurzfristiger angesetzt.

Dann eröffnet Eva Kalwa auch noch den Reigen "genialer Songs", von dem der jüngste aus dem Jahre 1989 stammt.
Wo waren Sie in den letzten 20 Jahren??? Seitdem sind 5 großartige und sehr erfolgreiche Studio-Alben erschienen.

Das hier angepriesene "People are People" wurde meines Wissens das letzte Mal am 18.06.1988 live gespielt und wird von der Band selbst als eines der schwächsten Titel angesehen und aus jeder weiteren Live-Planung verbannt.

Jeder, der ein Depeche-Mode-Konzert besucht, sollte wissen, dass es keine RS2-80er-Show ist, sondern 100% Depeche Mode.
Auch wenn auf dieser Tour die Fans der alten Songs auch auf ihre Kosten kommen, ist es trotzdem die "Tour of the Universe", auf der das neue Album nicht zu kurz kommt.

Leider gibt es immer Leute, die mit diesen falschen Erwartungen auf ein Depeche-Mode-Konzert gehen und dann mit unqualifizierten Bemerkungen die Fans stören.

Leider trägt dieser Artikel dazu bei, falsche Erwartungen zu schüren.

Der Gigantismus, der auf dieser Tour an den Tag gelegt wird, trägt auch leider dazu bei, dass viele unvorbereitete Zaungäste
angelockt werden. Diese werden evtl. enttäuscht das Konzert vorzeitig verlassen und sich dann hinreißen lassen, ihr subjektives Bild als objektiven Bericht wiederzugeben.

Bitte, lieber Tagesspiegel, lassen Sie nicht Frau Kalwa auf dieses Konzert!!!
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von gaspanic gaspanic ist gerade offline | 9.6.2009 13:24 Uhr
is doch nur ne kritik
es ist doch nur eine kritik. kritik darf man ja nun vortragen. das schlecht kritik den depeche mode-fans nicht gefällt, das ist ja nun klar.
ich hingegen freue mich auf das konzert in berlin. bin sehr gespannt. obwohl ich denke, das die großen jahre dieser fantastischen band schon lange vorbei sind. spätestens zur songs of faith and devotion-tour.
nach diesem album fand ich den rest eher schwach. auch das aktuelle album finde ich sehr schwach. ich finde es steckt keine kraft dahinter. es plätschert so vor sich hin. bis auf wrong. obwohl doch eher eine mittelmäßige single.

music for the masses und violator waren und sind die größten alben dieser ban
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von berlinfahrer berlinfahrer ist gerade offline | 8.6.2009 13:22 Uhr
Ich lass mich überraschen
Das neue Album gefällt mir nicht ganz so gut, aber man kann ja nicht nur die alten Schinken hören wollen. Öfter mal was neues.

Ich hoffe auf gutes Wetter am Mittwoch.
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von cowgirl cowgirl ist gerade offline | 8.6.2009 14:42 Uhr
@lars3110 - wirklich??
das Konzert in Luxemburg wurde überall als Warm-up-Gig vor dem eigentlichen Tourneestart in Tel Aviv bezeichnet, auch von denen, die DORT waren wie Sie.

und es gibt auch zahlreiche andere, nicht DM-"hörige" Fans, die Wrong als schwach bewerten, auch nachzulesen in etlichen Forenbeiträgen. es lässt sich eben immer wunderbar über DM-Neuerscheinungen streiten.

und last but not least: wer sich die Setlist anschaut, sieht selbst, dass DM kein Problem mit Klassikern wie Personal Jesus, Enjoy The Silence oder a Question of Time haben:
http://www.setlist.fm/setlist/depeche-mode/2009/ramat-gan-stadium-tel-aviv-israel-33d620e5.html
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von lars3110 lars3110 ist gerade offline | 8.6.2009 16:17 Uhr
Lesen und verstehen
Ich habe nicht behauptet, dass man "Wrong" nicht schwach finden darf, sondern dass ein zur Objektivität verpflichteter Musikkritiker andere Maßstäbe ansetzen sollte, Musik zu bewerten.

Jede kleine Dorfzeitung fühlte sich in den vergangenen Wochen dazu berufen eine "Albumkritik" zu veröffentlichen. Nach einem halben Mal hinhören fand man das Album im Allgemeinen schlecht und langweilig und dies wurde auch so verbreitet. Die Genialität, die hinter dieser Produktion steckt, wurde oftmals gar nicht erwähnt (weil nicht erkannt) und oft gab es hanebüchene Vergleich mit Mainstream-Bands.

Depeche Mode ist die meist unterschätzte Band der Welt. Deshalb können sie nach 30 Jahren immer noch Alben veröffentlichen, die wochenlang auf der ganzen Welt Nr. 1 sind.
Und ein Musikkritiker, der sich an Depeche Mode versucht, scheitert an sich schon an dem Anspruch, dieser Musik mit Worten Ausdruck zu verleihen.

Der Warm-up-Gig in Esch war die Toureröffnung. Tel Aviv war das erste Stadion-Konzert.

Ich habe auch nicht behauptet, dass DM Probleme mit Enjoy the Silence oder Personal Jesus haben (das haben eher die Fans, denen dass schon zu den Ohren rauskommt), sondern es ging hier explizit um "People are People", welches immer fälschlicherweise als Vorzeigelied auf den Sendern mit den "größten Hits der ...." dient. Im Übrigen ist die Setlist, die Sie hier verlinkt haben, falsch.
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von fcbarcelona fcbarcelona ist gerade offline | 10.6.2009 13:57 Uhr
die treuen fans...
oh je, da hat frau kalwa wohl nicht gewusst, wie dm-fans drauf sind... ;) kritik ist verboten und alle "echten" fans sind absolute statistiker vorm herrn - und inzwischen 36 - 40 jahre alt. die fans sind mitgewachsen, aber leider hat die band nicht mehr die performance, die bühnen und die musik wie zu ihrer besten zeit, zwischen 86 und max. 94 ... als ex-dm-"echt"-fan-seit-84 muss ich sagen: ich behalte lieber die guten erinnerungen der gigantischen shows (music for the masses und violator) und versaue mir diese nicht mehr mit aktueller mittelmäßigkeit.. was bringt ein stadion für 60.000 leute mit so einer ordinären bühne/show?? tour of the universe ist die größte übertreibung ever. warten auf U2, die klotzen wenigsten richtig auf ihre alten tage...

schade dm..

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