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Neues Album

Soap & Skin: Das Königreich der Schmerzensfrau

Kammerpop mit dunkler Magie: Soap & Skin legt ihr erstes Album vor - als eindrucksvollen Talentbeweis.
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Soap & Skin tritt bald in Kreuzberg auf. Foto: Tanja Pippi
Ein Geisterschiff gleitet sanft durch die Nacht. Bis plötzlich ein Sturm aufbraust. Der Wind zerrt an den Leinen, die Planken knarren, erstickte Schreie wehen über das Deck und im Schiffsbauch läuft die Mechanik Amok. „Turbine Womb“ heißt dieser kurze Gruselhörfilm, aufgeführt mit Klavier und Laptop von der 18-jährigen Österreicherin Anja Plaschg, die sich als Musikerin Soap & Skin nennt.

Ihr gerade erschienenes erstes Album „Lovetune for Vacuum“ gehört zu den am heißesten ersehnten Veröffentlichungen dieses Frühjahrs. Schon seit Monaten hört man, dass hier ein neues Wunderkind erschienen sei. Soap & Skin wurde als „Sphinx“ und „Sensation“ beschrieben, mit Nico, Björk und Kate Bush verglichen. Ihre Konzerte lösten Aufläufe aus. Ein klassischer Hype also, wie er auch im digitalen Zeitalter der extremen Ausdifferenzierung von Pop immer noch vorkommt, weil die kollektive Sehnsucht nach dem einen großen Ding, auf das sich alle einigen können, fortbesteht. Hypes stiften Zusammenhalt und Relevanz.

Anja Plaschg kommt da gerade recht. Ihre Biografie enthält derart viele Schlüsselreize, die sie einfach dazu prädestinieren, ganz groß erzählt zu werden: Geboren im 2000-Einwohner-Ort Gnas in der Süd-Steiermark wächst sie auf der elterlichen Schweinemastfarm auf. Ab ihrem siebten Lebensjahr spielt sie Klavier, später auch Geige. Mit 14 schreibt sie ihre ersten eigenen Stücke, mit 16 verlässt sie ohne Abschluss die Schule, um an der Wiener Akademie der Künste zu studieren. Sie malt jedoch in drei Semestern kein einziges Bild, sondern arbeitet weiter an ihrer Musik. Die Ergebnisse stellt sie auf eine MySpace-Seite und schickt sie an Plattenfirmen. Das Berliner Elektro-Label Shitkatapult greift zu und veröffentlicht im Sommer 2006 die melancholische Piano-Ballade „Mr. Gaunt PT 1000“ auf einem seiner Sampler.

Langsam beginnt die Hype-Maschine loszurattern, wobei Anja Plaschg selbst mit an den Stellschrauben dreht. Die Nico-Vergleiche befeuert sie beispielsweise dadurch, dass sie auf einer 4-Track-EP im Herbst 2008 den Song „Janitor of Lunacy“ der düstersten aller deutschen Diven covert. Wenig später wirkt sie in der Berliner Theaterproduktion „Nico - Sphinx aus Eis“ mit. Auch ihre Selbstinszenierung als schwarz gewandete Geheimnisvolle, die wirkt, wie aus dem 19. Jahrhundert herübergeweht, ist durchaus geschicktes Marketing. Wer sich wie Soap & Skin mit einem dornenkronenhaften Arrangement auf dem Kopf ablichten lässt, liefert die Interpretation als Schmerzensfrau gleich mit.

Ähnlich plakativ geht sie auf „Lovetune for Vacuum“ vor. Die Lieder tragen dramatische Titel wie „Extinguish me“, jede Note ist durchtränkt von Todessehnsucht und Teenage Angst. Am eindrucksvollsten zelebriert Soap & Skin ihre dunkle Magie in dem Song „Thanatos“, den sie nach der griechischen Gottheit des Todes benannt hat. Angetrieben von einem flackernden Piano-Stakkato singt sie mit tiefer, klagender Stimme über die „Zeitalter des Deliriums“ und ihr kommendes Königreich. Da sie ihren Gesang stets verdoppelt aufnimmt, wirkt er besonders intensiv. Diese Technik hat kürzlich ihr um ein paar Ecken Seelenverwandter Antony Hegarty auf „The Crying Light“ ähnlich ausgiebig angewandt.

Soap & Skins Stärke sind soundtrackhafte Songs wie das erwähnte Instrumental „Turbine Womb“ oder das ähnlich plastische „Cry Wolf“, bei dem sie die Hörer auf ein gespenstisches Rummelplatz-Karussell entführt. Neben einem Akkordeon lockern hier elektronisches Klicken, Ticken und Surren den Sound auf. Das erinnert an Cocorosie, denen sie musikalisch weitaus näher ist als etwa Björk oder gar Kate Bush. Ihr akkordzerlegendes Klavierspiel muss ebenso wenig unter der Rubrik Wunder einsortiert werden wie die sich stets ähnelnde Song-Dramaturgie des langsamen Anschwellens. Gleichwohl ist dieses Kammerpop-Debüt ein eindrucksvoller Talentbeweis, der die Aufregung um Soap & Skin zumindest teilweise rechtfertigt. Denn ein bisschen Wahrheit wohnt jedem Hype inne.

Soap & Skin: „Lovetune for Vacuum“ ist bei PIAS erschien. Konzert am 26. März im Festsaal Kreuzberg.

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(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.03.2009)
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