Aṣa @Jam’in’Berlin (8) : "Mit Musik anderen eine Stimme geben"

In Frankreich und Nigeria ist Asa längst ein Star. Nach zweijähriger Auszeit ist die Sängerin mit neuem Album zurück und spricht im Jam’in’Berlin-Interview über ihre Einflüsse und ihren musikalischen Findungsprozess. Ein Portrait.

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In vielen Mythologien wird dem Falken eine besondere Rolle zugedacht und nachgesagt, als Vermittler zwischen den Welten zu wandern. Eine Beschreibung, die auch auf Bukola Elemide passt, weshalb sich die Sängerin wohl in ihrer nigerianischen Landessprache Yoruba nach diesem Vogel benannt hat - Asa [Asha]. Auch Asas Leben ist frühzeitig geprägt vom Ziehen weiter Kreise. 1982 in Frankreichs Hauptstadt Paris geboren, wächst sie ab ihrem zweiten Lebensjahr in Nigerias Millionenmetropole Lagos auf. Allein unter drei Brüdern flüchtet sich das ruhige Mädchen oft in ihre Fantasiewelt und in die Musik. Erste Anlaufstelle hierfür ist Asas Vater, der ihr allabendlich zum Einschlafen etwas vorsingt. Es ist ein bunter Mix aus Liedern. Neben lokalen Größen der nigerianischen Jùjú- und Afrobeat-Musik wie Fela Kuti oder King Sunny Adé ist es vor allem US-amerikanischer Jazz und Soul von Aretha Franklin bis Marvin Gaye oder Ella Fitzgerald.

Darüber hinaus erforscht Asa in ihrer Kindheit ausgiebig Papas Plattensammlung und hört nicht nur Miriam Makeba, Nina Simone und James Brown, sondern auch Reggaelegende Bob Marley, der neben Gaye und Franklin bis heute zu einem ihrer prägenden Vorbilder wird. Überhaupt ist die Musik ein willkommener Rückzugsort, den Asa als Kind oft und gern aufsucht, denn das junge schüchterne Mädchen spricht nicht viel. Dafür singt sie umso mehr. Und fasst nach dem ersten vagen Wunsch schnell den festen Entschluss, Musikerin zu werden. Sie setzt sich gegen ihre Eltern durch, die lieber hätten, sie würde Anwältin werden wollen. Asas Mutter ermöglicht ihr jedoch, ihrem Traum vom Musikerdasein weiter zu folgen und meldet ihre Tochter mit zwölf Jahren an einer der besten Musikschulen des Landes an. Fünf Jahre dauert die Ausbildung, während derer Asa nicht nur persönlich aufblüht und das Gitarrespielen erlernt, sondern auch gegenwärtige Neoclassic-Soul-Ikonen wie Erykah Badu und Lauryn Hill für sich entdeckt.

Video: Jam-Session mit Asa

Bereits frühzeitig bekommt sie erste Angebote von Managern, Produzenten und Plattenfirmen. Sie lehnt sie allesamt ab, fühlt sich noch zu unsicher und experimentiert lieber weiter an ihrer eigenen musikalischen Vorstellung, einer breiten Stilpalette, die sich immer mehr Genres einverleibt. Eine Fusion aus Soul, Folk, Reggae, Funk, Jazz und Pop, ganz in der Afrobeat-Tradition, welche ab den Siebziger Jahren von Nigeria aus großen Einfluss auf die US-Jazz-, Funk- und Soulmusik ausgeübt hat. Im Alter von zwanzig Jahren beginnt sie, ihre ersten eigenen Songs zu schreiben und sich autodidaktisch das Klavier-, Trompete- und Bassspielen beizubringen. Lagos wird zu ihrer großen Inspiration. Ein Ort, in dem Chaos, Armut aber auch die Freude der Menschen Hand in Hand gehen. "Gerade hier in der bevölkerungsreichsten Stadt Afrikas entsteht oft aus wenig viel, da ist man gezwungen, kreativ zu sein." beschreibt sie die Umstände in Ihrer Heimat. Mit ihrem Gespür für melodisch simple wie einfallsreiche Songs und beeinflusst von den Widrigkeiten um sich herum, schafft Asa einen musikalischen Spagat, ist poetisch-nachdenklich und mitreißend eingängig zugleich.

Im selben Jahr nimmt sie an einem Austauschprogramm des französischen Außenministeriums teil und erhält ein Stipendium für einen dreimonatigen Aufenthalt in Paris. Fasziniert von den neuen Eindrücken in Europa, den Gegensätzen zum Leben in Nigeria und bestärkt von der Offenheit ihrer Geburtsstadt schreibt sie in dieser Zeit einen Großteil an Liedern. Darüber hinaus findet sie in dem blinden nigerianischen Produzenten Cobham Asuquo jemanden, der ihre musikalische Idee teilt. Sie pendelt fortan zwischen Nigeria und Frankreich und beide arbeiten an Asas selbstbenanntem Debütalbum. Das französische Label Naïve nimmt sie unter Vertrag und veröffentlicht 2007 ihr Debüt, Asas frühzeitigen Durchbruch. Sie tourt durch Europa, Afrika, die USA und Japan. Radiosender in Europa spielen ihre Songs auf Heavy Rotation. Mit "Jailer" hat sie in Frankreich und Nigeria ihren ersten Hit. In Cafés, in denen sie sitzt, um Menschen zu beobachten und sich inspirieren zu lassen, hört man plötzlich ihre Lieder. Sie hat es geschafft. 2008 erhält sie für ihr erstes Album den begehrten Prix Constantin.

Video: "Dead Again" Akustikversion aus dem neuen Album "Bed of Stone"

Sie tourt weiter, ist scheinbar angekommen in der Musikwelt der ganz Großen. Stars wie Katie Melua, Lenny Kravitz oder Angelique Kidjo laden sie zu Duetten ein. Sie wird für ihre enorme Ausstrahlungskraft auf der Bühne geliebt wie gefeiert. Auch ihr zweites Album "Beautyful Imperfection" von 2010 zeugt von dieser scheinbaren Freiheit, stets die pure Freude auf das sie schätzende Publikum zu übertragen. Und nicht sie selbst zu sein. Denn das Tourleben aus dem Koffer, es hinterlässt Spuren. Auf der Bühne ist sie nahbar, ein Ausbund an Freude und mitreißender Gelassenheit. Doch die nächsten zwei Jahre ist nach dem Konzert meist vor dem Konzert und sie meist allein, in einer Stadt, die sie am Morgen für den immer wieder nächsten Auftritt verlassen wird. Sie fühlt sich ausgebrannt, zieht sich zurück, nimmt eine Auszeit von allem Trubel und verarbeitet in Paris ihre Eindrücke über Rückschläge, falsche Freunde und das Ankommen in der Fremde. Sie sucht sich und das Leben, zieht für drei Monate nach Nashville, Tennessee, diesen us-amerikanischen Quell des Songwritings, erfüllt sich persönliche Träume, lernt Skateboard fahren und das Schwimmen.

In Nashville, New York und später auch in Berlin lässt sie sich inspirieren zu neuen Songs, die zwar ausgereifter und insgesamt verletzlicher klingen als die quirlige Asa, nach der alle vor Jahren verlangten, aber sie spürt sich wieder und das Leben. Und so wirkt "Bed of Stone" insgesamt auch ungleich gereifter als ihre Vorgänger. Versuchte sich Asa zu Beginn ihrer Karriere noch am Sound anderer Musikerinnen zu orientieren, etwa am Neoclassic-Soul von Erykah Badu oder dem Afrofolk einer Tracy Chapman, so bricht sie aus diesem Acoustic-Soul-Schema endgültig aus. Die neuen Songs auf "Bed of Stone" zeugen von einer traurig schönen Erwachsenheit, die Asas persönlichen Reifeprozess in sich tragen, ohne an Kraft und Ausdruck zu verlieren.

 Video: "Situation" Akustikversion aus dem neuen Album "Bed of Stone"

Aufgeräumter und organischer klingt die neue Asa, was auch daher rührt, dass sie bewusst den Wechsel suchte vom großen Studio zu mehr Intimität. Gefunden hat sie dies im britischen Hastings und im beschaulichen Homestudio von Blair MacKichan, der schon Lily Allen oder Sia Furler zu einem eigenständigen Sound verholfen hat. Er fokussiert ganz auf Asas Stärke. Und die ist und bleibt auch auf "Bed of Stone" der Groove. Zwar verlagert sich ihr Stil im Vergleich zum vielseitigeren Vorgänger "Beautyful Imperfection" von synthetischeren Klängen hin zu klaren klassischen Popballaden mit Piano und Streicherarrangements. Die introvertierten, teils fragilen Stücke auf "Bed of Stone" werden jedoch immer wieder von überraschenden Breaks mit Funk-Slapbass und treibenden Rhythmuswechseln durchbrochen, wirken in sich geschlossener, und präsentieren eine Asa, diese reiseverliebte Pendlerin, die zu sich selbst gefunden hat und musikalisch endlich angekommen ist.

Asas neues Album "Bed of Stone" erscheint am 29.08.2014 (Naïve/ Indigo) Im Winter wird sie voraussichtlich in Berlin live spielen.

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