Abba-Musical : Bis die Ouzo-Gläser wackeln

Wenn Hits tatsächlich eine Geschichte schreiben: das Abba-Musical „Mamma mia“ hatte Berliner Premiere. Das Best-Of-Musical setzt einen neuen Trend.

Frederik Hanssen
Mamma mia
Schlaghosen, ironisch. Szene aus "Mamma Mia" am Potsdamer Platz. -Foto: ddp

„Waterloo“ kommt erst ganz am Schluss. Als allerletzte Zugabe. So, als wollten die „Mamma mia“-Macher ganz abergläubisch böse Theater-Geister bannen: Vor dem Happyend bloß keine Niederlage beschreien! Dabei ist dieses Musical mit den Hits von Abba eine bombensichere Sache. Weil 50 Prozent des Risikos einer Uraufführung bereits vor dem ersten Ton ausgeschlossen sind – schließlich kennt, liebt jeder im Saal die Songs der schwedischen Popgruppe.

Die Taktik, rund um ein buntes Bouquet allseits beliebter Melodien ein Stück zu arrangieren, hat schon vor 108 Jahren bestens funktioniert, als der greise Johann Strauss die Idee geschäftstüchtiger Bühnenunternehmer abnickte, eine aus seinen Walzern und Polkas zusammengestrickte Retorten-Operette herauszubringen: „Wiener Blut“ hat bis heute einen festen Platz in den Spielplänen deutschsprachiger Stadttheater. Als „Mamma mia“ am 6. April 1999 Premiere feierte, jährte sich der Grand-Prix-Sieg von Agneta, Anni-Frid, Björn und Benny gerade zum 25. Mal, die weltweit beweinte Trennung der Band lag 17 Jahre zurück.

Nach eher mäßigen Erfolgen mit eigenen Musiktheaterprojekten wie „Chess“ hatten die Komponisten und Erfolgsverwalter ihren Widerstand gegen eine Greatest-Hits-Show aufgegeben und ließen Catherine Johnson ein Musical konzipieren, „von dem wir nicht wussten, dass wir es jemals geschrieben hatten“ (Björn Ulvaeus). 30 Millionen Menschen in 140 Städten zwischen Toronto und Melbourne, Madrid und Moskau haben es inzwischen gesehen, kein anderes Musical wird derzeit rund um den Globus häufiger gespielt, selbstverständlich überall in identischer Inszenierung. So will es die Markenstrategie des Unterhaltungskonzerns „Stage Entertainment“. Nach Stationen in Hamburg, Stuttgart und Essen hat die Show auf ihrer Deutschland-Tournee nun auch Berlin erreicht, am Sonntag fand die offizielle opening night im Theater am Potsdamer Platz statt. Und natürlich standen die Leute am Ende wieder rhythmisch klatschend in den Reihen.

Das kollektive Aufspringen zum Schlussapplaus gehört beim Musical längst zur Routine, Standing Ovations sind nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Das weiß auch das Produktions- Team von „Mamma mia“ – und spielt darum mit dem Publikum: Statt der üblichen exit music, akustischem Füllmaterial für die Verbeugenszeremonie der Darsteller, wird hier noch ein richtiges Zugaben-Feuerwerk abgebrannt, mit Kostümwechseln, eigener Choreografie und – als Finalknaller – eben dem Grand- Prix-Siegertitel „Waterloo“. Da geht die Party zwischen rotsamtenen Klappsitzen erst richtig los.

Es ist genau dieses kleine Weiterdrehen der Erwartungshaltung, dieser augenzwinkernde Blick auf die Funktionsmechanismen kommerzieller Zerstreuungs- Etablissements, die den Reiz von „Mamma mia“ ausmachen. Die Show wagt das, wozu im Business am meisten Mut gehört: Selbstironie. Aus Angst, die breite Masse könnte Doppeldeutigkeiten miss- und raffinierte Witze gar nicht verstehen, werden die Gags fast immer auf Quatsch-Comedy-Niveau abgeflacht. Hier aber wird scharf mit Pointen geschossen, und zwar auf die Darsteller ebenso wie auf die Kunden unten im Saal. Die Story spielt auf einer griechischen Insel, beginnt als Satyrspiel, entwickelt sich zur schrillen Generationenkomödie und kippt schließlich sogar für einen Moment ins Archaisch-Tragische: Donna (Jasna Ivir) ist während ihrer Hippie-Jahre auf einem ärmlichen Eiland hängen geblieben, wo sie als Tavernenwirtin sich und ihre Tochter Sophie (Melanie Ortner) mehr schlecht als recht durchbringt. Da schockt die 20-Jährige ihre Mamma nicht nur mit dem Plan, in Weiß heiraten zu wollen, sondern möchte zu allem Überfluss auch noch ihren Erzeuger kennenlernen. Donna muss passen, gab es doch zur fraglichen Zeit drei Männer in ihrem wilden Leben. Fest entschlossen, sich von Papa zum Altar führen zu lassen, lädt Sophie das Trio zur Trauung ein.

Im abstrakten Bühnenraum kreisen weißgekalkte Hauswände, auf die täuschend echter Schatten alter Olivenbäume fällt. Eine Optik, die genau jenem Mix aus Traum und Realität entspricht, der auch die Handlung trägt, wenn immer wieder unerwartet vertraute Abba- Musik einsetzt. Dabei passen die inhaltsgetreu eingedeutschten Songtexte mal verblüffend gut zu den Situationen, mal stehen sie hintersinnig quer zu ihnen. Wem nicht zum Heulen ist, wenn die emotional völlig verstrubbelte Alt-68er- Mutter schließlich „The winner takes it all“ schluchzt, hat keine Popmusikseele. Unglaublich, aber wahr: Hier werden ausnahmsweise keine Illusionen verkauft, sondern es treten tatsächlich glaubwürdige, charakterlich kantige Figuren auf. Und es wird getanzt, dass die Ouzo-Gläser wackeln.

Im gerade erschienenen „Handbuch des Musicals“ räumt Thomas Siedhoff „Mamma mia“ im Lexikonteil kein eigenes Stichwort ein. Das wird der Autor für die zweite Auflage wohl ändern müssen: Denn es zeichnet sich ein Trend zum semi-nostalgischen Best-Of-Musical ab. Nach dem Boom der Biographicals à la „Mozart!“, „Ludwig II.“ oder „Elisabeth“ scheint die Branche jetzt auf Stücke zu setzen, die bereits auf Hittauglichkeit geprüftes Musikmaterial einfach mit einer lustigen Handlung ummanteln. Altstars aus der Popbranche spenden für die Zukunft des Musicals: Ideeninfusionen nach dem Schema „Wiener Blut“.

Beflügelt von der Rendite der Abba- Zweitverwertungsshow kündigt Stage- Entertainment für den 2. Dezember in Hamburg „Ich war noch niemals in New York“ an, ein Überseehnsuchts-Musical, komplett ausgestattet mit Songs von Udo Jürgens. Im Œuvre des soziokritischen Pianocharmeurs aus Kärnten findet sich übrigens auch die schlüssigste Erklärung für den nachhaltigen Erfolg der in der Ägäis angesiedelten Abba-Tavernen-Anthologie: „Griechischer Wein und die altvertrauten Lieder, schenk noch mal ein, denn ich spür die Sehnsucht wieder!“

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