Albumkritik : Ich will ja nicht

Musik ist ihr heilig: Trotzdem veröffentlicht Schauspielerin Jasmin Tabatabai ihr zweites Album.

Kai Müller
Jasmin Tabatabai
Jasmin Tabatabai. -Foto: ddp

„Ding dang dong, dingelingelong“, trällert Jasmin Tabatabai, und schöner kann man es nicht sagen. Da halten selbst lärmende E-Gitarren für einen Moment inne. Das Leben ist süß, koste es aus und bleib bloß nicht allein, sagt einem der Refrain von „Let’s Stay Together“. Kaum zu glauben, dass er von einer Frau stammt, die in TV-Krimis ungerührt ihren Lover abknallt, während dieser ihr einen Kuss gibt. Die als Kriemhild den Sarg ihres toten Mannes über die Bühne schleift und von den Mördern immer wieder wissen will, wer ihn umgebracht hat. Die als giftige Karrieristin mit ihrem Chef schläft und kaltblütig Intrigen einfädelt. Die sich als Sängerin der Country-Band Even Cowgirls Get The Blues in herbe Macho-Posen warf und nun verkündet, sie brauche niemanden, der ihre Hand halte, keinen Kerl, um eine Band zu gründen: „If you wanna be my lover, be my friend.“ Da ist man auf alles gefasst, aber nicht auf Dingelingelong.

„Als ich eine Gesangslinie für dieses Lied suchte“, erzählt Jasmin Tabatabai, „sind mir nur diese drei Worte eingefallen. Das kann ich nicht bringen, dachte ich. Andererseits, andere Leute singen auch Yeah Yeah Yeah.“ Wie so oft, wenn sie sich nicht sicher ist, fragte sie Freundin Coco. Und Nicolette Krebitz wusste gleich, was zu tun war. Sie fügte noch ein „Dingelingelong“ hinzu. Schon betrat Jasmin Tabatabai das Himmelreich des Pop.

Mit „I ran“ erscheint heute die zweite Soloplatte der Schauspielerin, die in der Filmbranche als „der spezielle Typ“ gilt, also als schwierig zu besetzen. Dass in der gebürtigen Teheranerin, die 1978 mit elf Jahren von ihrer deutschen Mutter ins bayrische Krailling verpflanzt wurde, auch eine Songwriterin von großem Format steckt, ahnte man lange, glaubte man nie. Zählt sie doch zur Phalanx singender Schauspielerinnen wie Julie Delpy, Julia Hummer oder Katja Riemann, die alle irgendwann eine Platte machen. Soll man das ernst nehmen? „Für mich ist Musik eine private Angelegenheit“, wiegelt Jasmin Tabatabai vorsichtig ab.

Daran bestand für sie auch kein Zweifel, als sich der von ihr geschriebene Soundtrack zu „Bandits“ 700 000 mal verkaufte. Die Scouts der großen Plattenfirmen umwarben das doppelbegabte Talent. „Das klassische Ding“, erzählt sie amüsiert, „ich hatte die Branche an der Backe. Was einem da für Leute begegnen, und alle wollen nur Geld machen!“ Aber sie blieb unbestechlich. Jedenfalls beinahe. In Los Angeles, wohin sie dem Film hinterher gereist war, klapperte sie erstmal Gitarrenläden ab – und kaufte sich eine sündhaft teure. Auch landete sie in einem Studio, „in dem du nicht mal einen Stuhl angeboten kriegst“, und sah, wie ein Song von ihr, der entfernt an „California Dreaming“ erinnerte, binnen einer Stunde – „lass mal, Mädchen, wir machen das schon“ – in eine astreine Coverversion verwandelt wurde.

„Dass ich mir immer sage, ich will ja gar nicht, dass etwas aus der Musik wird, ist ein Schutzmechanismus. Musik ist mir heilig.“ Fünf Jahre verstrichen, bis die Autodidaktin nach „Only Love“ wieder eine Platte fertig bekam. Das erste, was man darauf hört, sind schrammelig-verzerrte E-Gitarren, die dem Pop-Gestus etwas ungestüm Forderndes geben. Später zirpt die Beatbox, die Snaredrum knallt – kein Lied, dass nicht eine eingängige Melodie hätte. Mal wird hymnisch die Kraft der Liebe beschworen („Inspiration“), mal mit belegter Stimme deren Untergang betrauert („Tomorrow You’ll Be Gone“). Ein Jammer, dass dieses Album nicht von der Ambition getragen wird, in die Hitparade zu kommen. Denn da gehört es hin.

„Als Songwriterin habe ich mich immer dem Pop verpflichtet gefühlt“, sagt Tabatabai. „Einfachheit ist das Erstrebenswerteste, das es gibt.“ Dass ihr das diesmal besser gelungen ist als 2002, hat mit Produzent Jam zutun (ehemals Jam & Spoon), der ihren Experimentierdrang zügelte. Als Mutter einer fünfjährigen Tochter blieben ihr ohnehin nur ein paar nächtliche Stunden, um Songideen auszuformulieren. Dass sie bis vor ein paar Monaten mit einem Musiker zusammengelebt hat, dem Vater ihres Kindes, der auch an etlichen Songs mitgeschrieben hat, machte die Sache nicht einfacher. Neben einem Profi kann man nicht naiv sein.

In der Musik kann sich Jasmin Tabatabai als Figur inszenieren, die nicht durch eine Rolle oder die Fantasie eines Regisseurs festgelegt ist. Es sind Selbsterkundungen. Wobei sie für das Styling Freundin Coco heranzieht. Die besorgte ihr auch den Fummel, mit dem sie nun lasziv wie Scheherazade auf einer orientalischen Couch posiert oder sich auf einem Perserteppich rekelt. Vierzig zu sein, kommt ihr wie eine Erlaubnis vor. „Ich sehe doch gut aus.“ Doch für eine Frau, die sich bis vor kurzem nicht mal in ein Kleid traute, gehen diese Haremsbilder sehr weit. Man könnte sie verwegen nennen, wenn man nicht wüsste, dass Tabatabai als Schauspielerin viel weiter gegangen ist. Für „Fremde Haut“ verwandelte sie sich in eine lesbische Iranerin, die sich als Mann verkleidet, um in Deutschland Salatköpfe zu stechen. Schon bei ihrer ersten Nacktszene in „Mediocren“ 1995 wusste sie: Jetzt kann ich wohl nicht wieder in den Iran fahren.

„I ran, I ran so far away“, zitiert sie nun den alten Indie-Hit von A Flock of Seagulls und genießt die Doppeldeutigkeit, die sich in diesem Wortspiel auftut. Sie hat lange gebraucht, um die Verklemmungen abzuschütteln, die ihr in ihrer Jugend aufgebürdet wurden. Das hat ihr nun eine Doppelkarriere beschert. „Wie alle halbwegs intelligenten Mädchen, die mehr wollen als Heiraten und Kinderkriegen bin ich wütend, wütend, die ganze Zeit wütend.“

„I ran“ von Jasmin Tabatabai erscheint heute bei Chet Records. Sie spielt am 10. Oktober im Kesselhaus

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