Albumkritik : Liebe muss explodieren

Lass die Genres tanzen: Die Londoner Band Friendly Fires versöhnt auf ihrem Debütalbum Gitarrenrock mit House. Woran diese Band nur scheitern könnte: Übereifer. Am 22. November sind sie in Berlin zu Gast.

Kolja Reichert

Hoppla, Moment mal. Das geht aber ganz schön schnell. Kaum konnte man sich in dem wilden Kuhglockengeklapper und dem synkopischen Frage-Antwort-Spiel von Schlagzeug und Bass orientieren, da stoppt die Snaredrum kurz ab und schubst einen, noch bevor man „Disco!“ rufen kann, in ein Schwimmbecken aus schwelgenden Shoegaze-Synthies. „Jump In The Pool“, so der Titel des Stücks. Jemand muss Aufputschmittel reingeschüttet haben. Am Schluss noch ein paar Karnevalströten, und schon sind binnen dreieinhalb Minuten gefühlte zehn Genres durchritten.

Gleich mit dem Opener ihres gerade erschienenen Debütalbums stellen die Friendly Fires klar, dass mit den Authentizitäts-Codes des Rock bitte endgültig gebrochen gehört. Handgespielte Techno-Beats? Rein damit. Kitschig-süßliche Kompressorgesänge? Immer druff. In der ersten Single „Paris“ verspricht Sänger Ed Macfarlane die Sterne vom Himmel: „One day we're gonna live/ in Paris / I promise / I'm honest“ – diesseitige Glücksversprechen von Exzess und Glamour. Dazu tanzt er im Video wie der uneheliche Sohn von Mick Jagger und Kylie Minogue.

Friendly Fires schaffen ein sprechendes Bild für das durcheinandergewirbelte Starsystem. Fixsterne werden nicht mehr geboren, stattdessen stellt das Internet jedem die Produktionsmittel zur Verfügung, sich selbst als Star zu inszenieren. Als erste Band ohne Plattenvertrag durften die drei Briten im Musikprogramm des Senders „Channel 4“ auftreten. Bald folgte der Deal mit XL Records. Die Aufnahmen entstanden angeblich in der elterlichen Garage.

Mit 14 Jahren taten Ed Macfarlane, Edd Gibson und Jack Savidge einst das, was Jungs in den Neunzigern taten, wenn sie in einer amüsementfreien Zone wie dem Londoner Vorort St. Alban festsaßen: Sie griffen zu den Gitarren und spielten Fugazi-inspirierten Post-Hardcore. „Wir hätten uns niemals vorstellen können, je einen Pop-Song zu schreiben“, sagt Macfarlane im Rückblick. Und jetzt das: ein 37-minütiges Feuerwerk großer Gefühle, das sich hemmungslos aus dreißig Jahren elektronischer Tanzmusik bedient. Neben dem Kölner Techno-Label Kompakt, das sie in „White Diamonds“ mit dem typischen „Schaffel“-Beat würdigen, zählt die Band Prince zu ihren Haupteinflüssen. Live covern die Friendly Fires gerne „Your Love“, den Klassiker von House-Guru Frankie Knuckles. Dessen Platten waren in den achtziger Jahren von Rock-DJs verbrannt worden. Jetzt sind Rock, House und Disco Freunde.

Damit setzt sich hier auch die Geschichte vom viel beschworenen Ende der Gitarrenmusik fort, das in Wirklichkeit natürlich kein Ende ist, sondern eine Erweiterung. Ausgelöst von den Bands des New Yorker DFA-Labels wie The Rapture und am bislang konsequentesten fortgesetzt von Justice aus Paris, wird Rock inzwischen von der Elektroseite her gedacht, und umgekehrt. Rockbands übernehmen das Selbstverständnis von DJs. Alles ist erlaubt, was die Tanzfläche zum Kochen bringt, dafür hat sich jedes Element innerhalb der Gesamtstrategie zu beweisen. Das gilt auch für die Gitarre. So setzt Edd Gibson in „Hospital“ einen schwachbrüstigen Schmalspur-Verzerrer ein, weil das besser zum strammen Disco-Sound des Stücks passt – in dem übrigens auch der brillante Gesang Macfarlanes besonders zur Geltung kommt.

Wahrlich, die Herren haben ihre Hausaufgaben gemacht. Deutscher Techno, Disco-Revival, Afro-Beats: die Friendly Fires nehmen alle Trends der Stunde mit. Vor zwei Wochen holten sie beim Reading-Festival Tänzerinnen mit Federschmuck und eine Percussiongruppe auf die Bühne und zeigten damit, was spätestens seit dem Nu’Rave-Revival auf Europas Tanzflächen brodelt: das enthemmte Feiern, das seine prototypische Entsprechung im brasilianischen Karneval hat. Damit überschritt die Band auch endgültig die Grenze zum Unterhaltungs- Dienstleistertum.

Wenn es etwas gibt, an dem diese Band scheitern könnte, dann ist es ihr Übereifer. Auf ihrem gnadenlos überfrachteten Debütalbum ist alles auf Funktion ausgelegt. Das könnte man als Oberflächlichkeit auslegen. Auf jeden Fall sind die Jungs Streber. Was wollen sie? Erfolg, ganz klar. Auf den Tanzflächen werden sie ihn bekommen. Doch unverzichtbar macht man sich eher, indem man auch mal was weglässt. Abgründe offen lässt. Sich Geheimnisse aufbewahrt. Bleibt zu hoffen, dass die Friendly Fires noch nicht alle Karten ausgespielt haben.

„Friendly Fires“ ist bei XL Records/Indigo erschienen. Am 22. November spielt die Band mit den Foals im Frannz Club.

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