Anhalter Bahnhof : Pop – ach komm

Musiklobbyist Dieter Gorny muss miterleben, was passiert, wenn man in Berlin Terrain aufgibt: Die Zwischennutzung wird zur ständigen Einrichtung. Die Berlin Music Week will sich Gornys Popkomm einverleiben.

Kai Müller

Es kommt nicht gut an in Berlin, zu behaupten oder auch nur anzudeuten, die Stadt sei zu klein, um Großes zu leisten. Weil Dieter Gorny genau das glaubt und Alarm schlägt, steht der omnipatente Cheflobbyist der Musikindustrie jetzt wie der Bösewicht da. Seine schöne Popkomm, von ihm miterfunden und von Köln nach Berlin geholt, ja von ihm höchstselbst in diesem Jahr auch abgesagt mit der Begründung, das Internet habe sein Baby kaputt gemacht – sie droht im provinziellen Spreesumpf unterzugehen. Zwar wollen alle, dass die Popkomm 2010 wieder stattfindet, aber nicht wie bisher: nur als Marktplatz der Tonträgerbranche und ihrer Zulieferer. Zu dröge war die Veranstaltung in den Messehallen geworden. Außerdem beschlich einen immer stärker die Ahnung, einem sterbenden System beim Nichtstun zuzusehen. Die Musik war in ein Festival am anderen Ende der Stadt ausgelagert. Da störte sie nicht.

Nun muss Dieter Gorny miterleben, was passiert, wenn man in Berlin Terrain aufgibt: Die Zwischennutzung wird zur ständigen Einrichtung. Ins Popkomm-Vakuum ist ein bunter Haufen aus Clubbetreibern, Internetfricklern und Indie-Labels gestoßen und hat in Wirtschaftssenator Harald Wolf einen wichtigen Mitstreiter für die Idee einer Berlin Music Week gefunden. Die Popkomm soll „in diesem Rahmen stattfinden“, schreibt Olaf Kretschmar von der Berlin Music Comission in einem offenen Brief an Gorny. Damit, donnert der zurück, werde die Popkomm „auf das reduziert, was sie nie sein wollte und sollte: eine Messe ohne Message.“

Stimmt schon. Allerdings: Wer braucht die Popkomm? In Berlin ist sie nie richtig angekommen. Was grotesk ist in der Stadt von Loveparade, Berlinale, Marathon, Fanmeile und Karneval der Kulturen. Ausgerechnet eine Zentralveranstaltung der Popkultur sollte hier nicht populär werden. Zu Tausenden treibt es Berliner in die Langen Nächte, aber sie zeigen sich resistent gegenüber allem, was sie nicht selbst groß machen können. Deshalb ist Gornys Traum vom „großen Wurf“ eher ein Albtraum, entsprungen der Potenzfantasie eines Mannes, der 90 Prozent des Musikmarktes repräsentiert. Zur Echo-Verleihung im März hat Gorny übrigens 3500 Gäste vorgesehen. Im Vorjahr waren es 10.000. Gaaanz grooß! 

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