Anna Netrebko : Die Unverwundbare

Wenn Anna Netrebko die „Traviata“ an der Deutschen Oper im Alleingang stemmt, erntet sie vom Publikum Achtung und Bewunderung. Seine Liebe bleibt ihr verwehrt.

Ulrich Amling
Netrebko
Diva und Diwan. Anna Netrebko schmachtet als Violetta Valery. -Foto: Bettina Stöß

Um die Gunst von Anna Netrebko wird weltweit heftig gebuhlt. Und muss sie einmal einen Liebhaber abweisen, so hat sich die Sopranistin gleich harsche Töne gefallen zu lassen, so wie diesen Sommer in Salzburg. Dort löste die Netrebko mit einer krankheitsbedingten Konzertabsage ein Murren aus, das sich zum Staatsakt steigerte. Die Neu-Österreicherin schwänzte ausgerechnet die nationalen Weihespiele. Verrat! Kein Wunder war Netrebko entsetzt über diese öffentliche Schelte, denn ohne jede Übertreibung darf man sie als härteste Arbeiterin im Geschäft, als die Madonna des Klassikbetriebs bezeichnen. An ihrer vokalen Dauerpower stranden die leidenschaftlichsten Tenöre. Nach stimmlicher Erschöpfung setzt Rolando Villazon seine Auszeit noch immer fort und hat auch für Dezember geplante „Romeo und Julia“-Aufführungen mit seiner Traumpartnerin an der Met abgesagt. Im kommenden März will er mit Konzerten seine Rückkehr in Deutschland feiern.

Für Anna Netrebko gibt es vorerst kein Verschnaufen, schon gar nicht an der Deutschen Oper Berlin. Die hat die Diva für drei „Traviata“-Vorstellungen ergattern können und feiert ein prall gefülltes Haus (die Vorstellungen am 17. und 20.11 sind bereits ausverkauft). Dass am Pult nicht mehr der Generalmusikdirektor, sondern „nur noch“ der Gastdirigent Renato Palumbo waltet, interessiert an diesem Abend nicht. Das Orchester und sein Ex-Chef wirken durch den Rücktritt Palumbos wie von einer Last befreit. Das sensible Musikerkollektiv scheint den Mann zu achten, der sich nicht auf seinem Vertrag ausgeruht hat, sondern die Verantwortung für seinen Teil des gemeinsamen Scheiterns übernahm.

27 Abende wird Palumbo in dieser Spielzeit noch an der Deutschen Oper dirigieren – und glaubt man der „Traviata“, werden es nicht seine schlechtesten sein. Viele schöne piani hat der Maestro herausgehört, der unermüdlich Einsätze in den Graben und auf die Bühne wirft. Nur Spannung, ein inneres Beben in der Musik, lässt Palumbo nie aufkommen, als fürchte er die Erosion von Verdis Partitur. Hört man seinen Fieberrausch, glaubt man an eine Fehldiagnose für die arme Violetta Valery: Unterkühlung statt Schwindsucht. Auch Piotr Beczala als Violettas Liebhaber Alfredo Germont hat seine Not mit der Leidenschaft. Herrlich frei schwingt sich sein Tenor auf, mühelos, mit edel mattiertem Schimmer. Doch allzu leichtfertig verspielt Beczala seine unerhörte Chance, direkt zu Herzen zu gehen. Was ihm nicht mühelos über die Lippen kommt, welkt dahin, wird schmal und hart. Stefano Antonucci (für den erkrankten Anthony Michaels Moore) kaut sich pedantisch durch seine moralinsaure Vaterrolle.

Es hängt also alles von der Netrebko ab, kein drängender Barenboim (wie bei „Manon“ an der Staatsoper), kein glühender Villazon, keine peppige Fernsehregie sind da, um zu helfen. Götz Friedrichs alte „Traviata“-Inszenierung wirkt verlassen von allen guten Geistern, und die bösen reißen ein paar peinliche Possen.

Doch Anna Netrebko graust es vor nichts, sie stemmt den Abend auch im Alleingang. Kerngesund und auf üppigem Fundament strahlt ihre Stimme bis in die hintersten Reihen hinauf, getragen von schier endloser Luft. Als Violetta Valery, die Kurtisane mit Herz, ringt sie äußerst nobel mit sich und ihrem Schicksal, weiß sie doch, dass sie jeden Ton an sein Ziel bringen kann, jederzeit. Das kunstvolle Verschatten ihrer Stimme wirkt inzwischen völlig organisch, und wo schnelle Verzierungen Not bedeuten könnten, helfen Palumbos behäbiges Tempo und perfektes Atmen. Von Anna Netrebko geht eine Unverwundbarkeit aus, die sich seltsam an der Bühnenfigur Violettas mit ihrem fragilen Glück bricht.

Gerade angesichts ihrer gewachsenen stimmlichen Möglichkeiten fällt besonders auf: Die Netrebko ist keine Tragödin, der traditionell der Thron der Oper gehört. Achtung und Bewunderung hat sie sich an diesem Abend an der Deutschen Oper ersungen – die Liebe des Publikums jedoch nicht. Vielleicht, weil Liebe wie in der „Traviata“ auch etwas mit dem Verzeihen von Fehltritten zu tun hat. Anna Netrebko leistet sich keine Fehltritte, also gibt es auch nichts zu verzeihen. Beim Schlussapplaus ein mädchenhaftes Winken auf verrutschten Socken; der Saal steht, um sie besser sehen zu können. Kein Bukett, nicht einmal eine einzige Blume fliegen ihr nach.

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