Antony & The Johnsons : Ein Bad aus Licht

Kaum einer verkörpert die Idee der "reinen Musik" derzeit so rückhaltlos wie Antony Hegarty. Seine Band Antony & The Johnsons versöhnt das Kunstlied mit Pop.

Kai Müller

Es ist in letzter Zeit wieder viel von der „reinen Musik“ die Rede. Als Gegenentwurf zu Kommerz und falschen Gefühlen. Sogar Dieter Gorny spricht von ihr. Der Verbandschef der deutschen Musikindustrie hat allerdings nicht die Avantgarde im Blick, wenn er sagt, Musik sei „ein entdinglichtes Phänomen“. Dennoch zieht Popstratege Gorny aus der Entkopplung von Musik und Trägermedium den richtigen Schluss: aus der Traum, Musik „besitzen“ zu können. Sie hören zu dürfen, muss reichen. Arme, glückliche Zeiten.

Das findet auch Antony, der androgyne New Yorker Fleischklops mit der wimmernden Knabenstimme. Kaum einer verkörpert die Idee der „reinen Musik“ derzeit so rückhaltlos wie er, der mit bürgerlichem Namen Antony Hegarty heißt, aber – da so gar nichts mehr bürgerlich an ihm ist – das Familienstigma abgestreift hat. Seine Band hat er Antony & The Johnsons getauft. Morgen erscheint deren drittes Album „The Crying Light“, ein Meisterwerk, mit dem das Kunstlied in die Popkultur zurückgeholt wird. Die Idee, dass etwas nur um seiner selbst willen existiert, wird hier auf wunderbar schwerelose Weise mit den Bedürfnissen des von ökonomischen Krisen und Untergangsängsten angefressenen Individuums zusammengebracht.

„As I lie murdered on the ground“, hebt der Songwriter zu einer Eloge auf seine Hinfälligkeit an. Ohne Larmoyanz. Es regnet, na klar. Was sonst kommt einem in den Sinn beim Gedanken an die eigene Beerdigung? Man kann das abgeschmackt finden oder für große Poesie halten. Der Regen jedenfalls fällt nicht umsonst. Er verdichte, heißt es weiter, was Antony als den „triefenden Sound“ seiner Songs bezeichnet. Am Ende von „Kiss My Name“ steht die Kohle, zu der wir einmal werden. In Antonys poetischem Universum hat alles einen tieferen Sinn, eine schicksalsbeugende Kraft, die dem Schmerz die Spitze nimmt.

Dazu gehören hauchdünne Streichergirlanden, hingetupfte Klavier-Arpeggios, der Klagegesang von Tenor-Saxofon oder Klarinette. Das ist exquisit arrangierter Kammerpop einer sechsköpfigen Akustik-Band. Schlagzeug-Beats gibt es kaum. Nicht einmal in „Epilepsy Is Dancing“, einer im Walzertakt schwingenden Folk-Weise. Die Musik von Antony & The Johnsons ist zum Stillstand gekommen. Umso energischer drängt sie in eine andere Dimension. Im Bild der Kohle ist diese Transformation reflektiert: Was übrig bleibt von einem Leben, bedeutet Antony, ist gebündelte Energie.

Doch der eigentliche Zauber von „The Crying Light“ liegt nicht auf einer symbolischen Ebene. Das Album ist die Lösung für ein Problem, das Antony zeitlebens verfolgt hat: nicht dazuzugehören.

„I need another world / A place where I can go.“ So bringt der 37-Jährige seinen Wunschtraum in „Another World“, dem Kernstück des Albums, auf den Punkt. Als jemand, der das Leben einer Frau im Körper eines Mannes führt. Diesen Platz hat er nun gefunden.

Antony ist mit 19 nach New York gekommen, ins East Village, wo ihm die Schwulen- und Transsexuellen-Szene zur Heimat wurde. Er trat einer Kabaretttruppe bei und tingelte durch die Kellerclubs und Eckkneipen der Stadt. AIDS hatte die Subkultur verwüstet. „Unsere Theaterstücke endeten immer damit“, erzählt Antony in der „Spex“, „dass sich auf der Bühne ein riesiger Leichenberg türmte.“ Aber das Theater war für Antony nur ein Vorwand – um in besonders dramatischen Momenten ein Lied vorzutragen.

„So muss es gewesen sein, als man die Stimme von Elvis das erste Mal hörte“, sagte Laurie Anderson über den Augenblick, da sie Antony das erste Mal sah. Tatsächlich überstrahlt die Stimme dieses geschlechtslosen, pausbäckigen Wesens alles andere. In ihr sind alle Gegensätze aufgehoben. Der theatralisch gespreizte, zitternde Divensound ist wie mit Samt belegt. Das ist gleichzeitig unendlich groß, stark und verzweifelt, aber auch klein, scheu und weich.

Als Lou Reed ihn für sein Edgar-Allan- Poe-Projekt „The Raven“ entdeckte und mit auf Tour nahm, bekam Antonys Karriere einen ersten Kick. Er sang „Candy Says“, Reeds Hommage an den an Leukämie gestorbenen Andy-Warhol-Superstar und Transvestiten Candy Darling. Ein Bild von dem todkranken Zwittergeschöpf zierte später auch Antonys zweite Platte „I Am A Bird Now“. Auf dem Album flanierten 2005 all die Gestalten der Camp-Ära durchs Bild, denen sich Antony als seiner Familie verbunden fühlt. „I hold your big fat heart in my hands“, rief er der ebenfalls früh verstorbenen Queer-Ikone Devine hinterher und holte sich Geistesgefährten wie Boy George, Rufus Wainwright und Devendra Banhart als Duett-Partner dazu.

Auch er selbst wurde darüber zum Star und – dank einer halben Million verkaufter CDs – zum gefragten Gastsänger. Nicht nur dem New Yorker Disco-DJ Andrew Butler lieh er für „Hercules & Love Affair“ sein Wunderorgan, er stand an der Seite von Björk, Marianne Faithfull und Herbert Grönemeyer im Studio. Aus dem Exoten ist ein Markenzeichen geworden. Spott schlägt Antony auch als Popstar noch entgegen. In seiner ungeschützten Exaltiertheit erinnert er an Klaus Nomi, einen früheren Exzentriker des Pop, der Balladen ebenfalls im hohen Ton einer Opernarie vortrug.

Als er ein Kind war, fanden die Nachbarsburschen in der Bay Area den dicklichen, femininen Kauz, der sich vor dem Schulunterricht zu schminken pflegte, auch nicht komisch. Sie warfen mit Kieselsteinen nach ihm. Er zog es ins Lächerliche, indem er die Steine als Halskette trug. Aber als „transgender kid“, als das er sich schon früh betrachtete, hatte er keine Wahl. „Eines Tages, wenn ich erwachsen bin, werde ich die Kraft spüren und eine schöne Frau sein ... leider bin ich heute noch ein Kind und ein Junge“, lautete das Versprechen auf „I Am A Bird Now“. Damals überwogen sadomasochistische Auslöschungsfantasien und das Spiel mit wechselnden Identitäten („My Lady Story“). Die Gemeinschaft der Außenseiter musste den Ort ersetzen, den er noch nicht gefunden hatte: „I’m scared of the middle place“, gestand er.

Mit dem Nachfolge-Album wird eine neue Stufe der Entdinglichung erreicht. Einen Vorgeschmack darauf hat im letzten Jahr bereits die „Another World“-EP geliefert. Sie war ein Abschied der Welt, wie wir sie kennen. Am Ende entsteigt ein neuer Messias dem „Hope Mountain“, ein Mädchen. Als Lobgesang auf das weibliche Prinzip ist auch die Langfassung konzipiert. Sänger und Band finden ihr Heil in naturmystischen Hochgefühlen. Im Eröffnungssong „Her Eyes Are Underneath The Ground“ sieht man Antony über „Mutter Erde“ wandeln. Es geht um Ahnenreihen, Tod, Liebe und Erlösung. In dem bluesgetränkten „Aeon“ söhnt er sich mit dem Vater aus, der ihn lange nicht akzeptieren konnte.

Natur, das ist Antonys Fahrkarte in die Zugehörigkeit. Teil des Ganzen zu sein, ist plötzlich kein Kraftakt mehr. Gewiss, dieses Ganze ist bedroht. Es herrscht keine Harmonie in dem grünen Universum. Weshalb der Schmerz über den Raubbau an der Natur ebenso auftritt wie das Glück, den Verlust überhaupt wahrnehmen zu können. Mitgefühl, das ist durch diesen seltsamen Sänger wieder eine Kategorie im Pop geworden. „The Crying Light“, das heiße auch, sagt er, in einem „Bad aus Licht“ zu schwimmen. Jede vergossene Träne ist ein Funke.

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