Arno und ZAZ in der Kulturbrauerei : Überraschend anders und schön

Charismatisches im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Der erfrischenden, zappeligen ZAZ folgt ein belgischer Star, den es in Deutschland noch zu entdecken gilt: Arno ist die Stimme Brüssels.

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Arno - die Stimme Brüssels.
Arno - die Stimme Brüssels.Foto: promo

"french connection@kesselhaus 2010" nennt sich schick und kleingeschrieben eine Veranstaltung im Rahmen der "Berlin Music Week" im Kesselhaus der Kulturbrauerei. Angekündigt von den Veranstaltern, die sich verwirrenderweise wiederum "Jazzdimensions" nennen, ist "absolut frischer Frankreichpopimport französischer Major- und Indielabels".

Pling-Pling-Glockenspiel, eine Kindermelodie, in die unisono Gitarre und Kontrabass einfallen. Es wird wild und ein bisschen schräg mit Schlagzeug und Keyboards, wandelt sich zu klirrig klimperigen Bossa Nova. Eine charmante, zappelige junge Frau, die Isabelle Geffroy heißt, sich aber ZAZ nennt, singt dazu mit angenehm natürlicher, leicht heiserer, niemals überkandidelter Stimme Chanson-Jazz, Bebop-Scat, Zigeuner-Swing und eingängige Pop-Melodien, die dann wieder umkippen in wunderbar ungestümes Geschraddel. Eine interessante Mixtur, die erfrischend jung und individuell klingt. Bravo.

Wesentlich älter als ZAZ und ein ganz anderes Kaliber ist Arno. Arno? Ein Name, mit dem man eher einen deutschen Liedermacher, Blödelbarden oder Frühstücksmoderator assoziiert als einen Popstar. Aber eigentlich ist Arno auch gar kein Popstar. Und er ist auch nicht aus Frankreich, sondern aus Belgien, wo er tatsächlich so etwas wie ein Star ist: als Schauspieler, als Filmkomponist, in erster Linie aber als Interpret seiner eigenen Songs. Immerhin hat er, der hierzulande fast unbekannt ist, in seiner Heimat schon achtzehn Alben veröffentlicht. "Brussld", das jüngste, ist so gut, dass es mächtig neugierig macht auf Arnos einziges Konzert in Deutschland.

Ein langgestreckter Orgelakkord wabert durch einen Phaser, fanfarenartige Orgelstöße fahren dazwischen, das Kesselhaus wird aufgepumpt mit bombastischer Klangwatte, die Backgroundsängerin Sabrine El Koulali singt dazu orientalische Skalen. Zwischen Keyboarder Serge Feys, Gitarrist Jo Mahieu, Bassist Mirko Banovic und Drummer Sam Gysel steht Arno etwas zerflededert mit weißblonden Zauselhaaren im schwarzen Jackett, die Beine leicht auseinandergestellt, das Mikrofon am Stativ mit einer Hand fest umklammert - alte Rockstarschule. Er knurrt und bellt: "Let's sing a song for Linda, Mustapha, Jean Pierre, Fatima, Michel and Paul, God's brain, les flamands et les wallons, you and me and Mister Nobody ... Dancing in the streets of Belgium, Brussels...".

Immer wieder besingt Arno seine Heimatstadt Brüssel in all ihren Facetten, ihre gemischte Bevölkerung aus Flamen Wallonen und arabischen Einwanderern, ihren Abenteuern und ihrer kulturellen Vielfalt. Arno bedient sich einer betörend bizarren Sprachmixtur aus englischen und französischen Textzeilen, in die er gelegentlich auch noch ein paar flämische Wörter einstreut. Er wirft das Mikro von der einen in die andere Hand und wieder zurück. Eine charismatische Erscheinung.

Arno weckt Erinnerungen an den großen Kevin Coyne, an die Schrägheit von Tom Waits, die Chansonkunst seines berühmten 1978 gestorbenen Landsmannes Jacques Brel, und zwischendrin klingen er und seine formidablen Mitstreiter als wären die Rolling Stones zu einer Gothic Band mutiert.

Eine Jahrmarktsorgel quäkt einen schnaufenden Walzer, Arno schwankt und wankt am Mikrofonstativ, heult über eine "Mademoiselle" und knallt zwei riesige Becken zusammen, dass es blechern kräscht und der Luftstoß ihm die Haare zaust. Er röhrt über Rock 'n' Roll und den Teufel, singt auf seine knarzige Art rührend melodiöse Balladen mit sparsamer Piano-Begleitung und wilden Knatterfunk. Dann ist da wieder der schöne wehende arabische Gesang von Sabrine El Koulali, und die Band steigert sich in dunkle Monotonie, die eine bisschen an die Wüstenrocker von Tinariwen oder Tamikrest erinnert.
Eine Piano-Passage klingt wie eine Mischung aus Chopin und Lounge-Jazz. Arno singt dazu Bob Marleys "Get Up Stand Up" - überraschend anders und schön.

Bo-Diddley-Beat wechselt mit einer Akkordeon-Polka, und ganz am Schluss kommt noch einmal die Kirmesorgel und sprüht "Freude schöner Götterfunken" als taumeligen Walzer. Arno röhrt die Melodie wie ein Besoffener: "Rah-Rah-Rah-Rah-Rah-Rah-Rah-Rah" bis alles mit einer schweren Heavy-Metal-Coda endet. Nach so viel Intensität ist die Aufnahmefähigkeit für diesen Abend erschöpft. Arno ist eine Entdeckung.

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