Art Brut : Die Allgäu-Connection

Mikey Breyer wollte Rockstar werden. Er zog nach London und ist es heute - mit Art Brut. Die Band tritt am Samstag in Berlin auf.

Markus Hesselmann
Art Brut
Erfolg mit Art Brut: Mikey Breyer (2. von links). -Foto: Promo

Es ist eines dieser großen spätsommerlichen Open-Air-Festivals, die auf der Insel den kulturellen Rang des Oktoberfests oder des Cannstatter Wasen haben. Das Wetter ist meist eher frühherbstlich, Schlamm gehört wie Alkohol und Drogen zur britischen Festivalsaison. Auch vor dem passend "Get Loaded in the Park" (Lass dich volllaufen im Park) betitelten Festival im Südwest-Londoner Stadtteil Clapham hat es tagelang geregnet, bevor doch noch die Sonne durchkommt. Aus dem angetrockneten, mit tonnenweise Sägespäne bestreuten Boden entweicht modriger Geruch. Doch Mikey Breyer ist genau da, wo er sein will.

Eben stand der Schlagzeuger noch mit seiner Band Art Brut auf der Bühne - er stand tatsächlich, wie Bela B. von den Ärzten - und hat sich und die Fans in Ekstase getrommelt. Jetzt sitzt er backstage auf einem weißen Plastikstuhl an einem weißen Plastiktisch neben Sänger Eddie Argos und wird interviewt. "Ich wollte immer in einer Band sein", sagt Mikey Breyer. "Aber das war nicht einfach, im Allgäu, wo ich herkomme." Früher ging das noch, da konnte man in Hagen Popstar werden oder in Großenkneten. Im zentralisierteren Nachwende-Deutschland geht das fast nur noch in Berlin. Dann lieber gleich nach London, sagte sich Breyer und zog auf die Insel.

Eddie Argos kann den Drang in die Metropole nachempfinden. Er kommt aus Bournemouth. Die südenglische Küstenregion Dorset ist ein Urlaubsziel wie der Allgäu, pittoresk, aber provinziell. Parallel zu den Träumen des kleinen Mikey stellte sich der kleine Eddie vor, wie er bei "Top of the Pops" auftreten würde, der Chartsendung der BBC, die 2006 eingestellt wurde. Ein Großteil seiner Texte dreht sich um diesen Traum, um die utopische Kraft der Popmusik, die ein eigenes Universum des Guten, Wahren und Schönen erschafft. Mit dieser unschuldig starrsinnigen Haltung erinnert Argos an Morrissey, einst Sänger der Smiths. Ein Morrissey mit Sex allerdings, auch wenn dabei schon mal was schief geht, wie es Argos in "Rusted Guns of Milan" beschreibt. Argos und Breyer fanden sich in London. Der Sänger hatte in einem Bus gehört, wie jemand Breyer, der damals in einem Modegeschäft arbeitete, als guten Drummer anpries und suchte ihn auf. Zur Band stießen noch eine deutsche Bassistin, die sich Freddy Feedback nennt, und zwei englische Gitarristen. Deutsche und Briten in einer Band, wird da der Krieg erwähnt mit den üblichen kleinen Gemeinheiten? "Nur wenn es wirklich ernst wird", sagt Eddie Argos, lacht und entwickelt eine ganz eigene völkerkundliche Theorie, nach der "die Deutschen und die Briten sich doch in Europa von allen am ähnlichsten sind". Er meint damit "die Fußball- und die Kneipenkultur".

Art Brut unternehmen auf ihrem neuen Album "It's a Bit Complicated" sogar einen Ausflug in die deutsche Fußballkultur - angeregt von Mikey Breyer. Das Stück "St. Pauli" ist aber nicht nur einem Hamburger Verein gewidmet, sondern auch Hamburgs Musik. "Punkrock ist nicht tot", singt Eddie Argos auf Deutsch. "We are Hamburg School", fügt er an und es klingt, als hätten die Deutschen den Punk gerettet, in dem sie Art Brut inspirierten. "Ich mag Tocotronic", sagt Eddie Argos. "Ich bin wohl der einzige Engländer, der Fan des FC St. Pauli und der Hamburger Schule ist."

Art Brut spielen am Sonnabend, den 29. September, um 21 Uhr im Lido (Cuvrystraße 7, Kreuzberg)

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