Art Brut : Strumpf und Stil

Echtzeit-Pop: Wie die britische Band Art Brut sich der Wahrheit verschreibt und sie plötzlich kompliziert findet. Musik für die Gegenwart, die keine Zukunft hat.

Kai Müller
Art Brut
"We are Hamburg School". Art Brut und ihr Sänger Eddie Argos (2. v. li.). -Foto: promo

Rockbands sind zerstörerisch. Gitarrensaiten reißen, Verstärker bersten und wer sein Leben – nach einem Wort Noel Gallaghers – in die Hände einer Rockband legt, wird erleben, dass sie es wegwirft. Doch es geht auch anders. Bei Eddie Argos haben nur Strümpfe zu leiden, wenn er unbeholfen auf die Bühne stolpert – und erstmal seine Schuhe auszieht. Der korpulente Sänger der britischen Band Art Brut hüpft und tobt und wirft sich in die Menge. Eine Rebellion aus dem Geist des Wollsockenverschleißes?

„I don’t know what I’m doing, but it’s feeling like success“, grölt Eddie Argos auf der zweiten Art-Brut-Platte „It’s a bit complicated“, die am Freitag erscheint. Wird sich jetzt erweisen, ob es sich bei der von Kritikern frenetisch bejubelten Kunstrock-Formation aus London um eine Kulturguerilla oder einen Witz handelt. Für einen solchen hielt Label-Chef und Indie-Guru Geoff Travis die obskure Band, als er wutschnaubend eines ihrer Konzert verließ und ihr den praktisch schon geschlossenen Plattenvertrag wieder entzog. So haftete dem rasanten Aufstieg von Art Brut nach dem Debüt „Bang Bang Rock & Roll“ der Ruch eines kindischen Pop-Theaters an. Und tatsächlich geht jede Anstrengung zum konzeptionell geschlossenen Werk im Chaos unter. „Life is what you make it and I’ve made mine a mess“, bekennt sich Argos freimütig zu seinem vermasselten Leben.

Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen für eine grandiose Karriere. Zumal Art Brut mit „It’s a bit complicated“ genau dort weitermachen, wo ihr Debüt noch arg unbehauen und grobschlächtig geraten war. Diesmal befanden sie sich in der komfortablen Situation, sogar gemeinsam im Studio sein zu können, weil sie ihre Jobs in einer Parfümerie, in Klamotten- und Plattenläden sowie als Sozialarbeiter aufgegeben hatten. Aber das war schon wieder zu viel der Ordnung für Eddie Argos. Während seine Kollegen mitreißend-scheppernde, Riff-lastige und betörend simple Rocksongs erfanden, brachte er keine Zeile hervor. Er zog sich in seine Kammer zurück, ließ Kaffee und Kuchen kommen und verschwand im Bett.

Art Brut bestechen nicht durch Klugheit, Klang und Raffinesse, sie setzen nicht Kunst gegen Pop, vom Progrock- Getue der Gesamtkunstwerker, die sich in Opulenz überbieten, sind sie weit entfernt. Gleichwohl ist ihr Trick, mit dem sie sich den Nivellierungstendenzen der Massenproduktion entziehen, ein konservativer. Sie überlassen sich der Eigendynamik eines romantischen Ideals. „Es ist dermaßen kathartisch, von Dingen zu berichten, die ich wirklich erlebt habe, die wahr und persönlich sind, dass ich es nur noch mache“, sagt Argos im gurgelnden Tonfall eines Jungen aus Bournemouth. Dabei streicht er den langen Pony aus der Stirn, der ihn wie einen Intellektuellen aussehen lässt. Doch studiert hat er nicht. Und auch sein musikalisches Talent ist begrenzt. Seine Texte deklamiert er stoisch, Melodien versagen sich seinem Organ, selbst in seinen eigenen Songs ist er isoliert.

Dass der leidenschaftliche Kunstfan, der in Ausstellungen am liebsten tanzen würde, seine Band nach einer Kunstrichtung benannt hat, die nach Auffassung ihres Vordenkers Jean Dubuffet Autodidakten und geistig Behinderten vorbehalten ist, untermauert den naiven Anspruch auf schonungslose Offenheit. Hier tritt einer auf, der nichts verbirgt und auch nicht wissen will, wie viel von dem, was er durch seine Songs zum Allgemeingut macht, auf sein Privatleben zurückwirkt. Stattdessen hält er es mit seinem Vorbild Jonathan Richman. Der amerikanische Liedermacher habe ihn gelehrt, „dass man über alles einen Song machen kann“.

So treiben Art Brut auf die Spitze, was zum Standardrepertoire der britischen Retro-Welle gehört. Sie bedienen sich des Naheliegenden – mit dem Effekt, einer Art Echtzeit-Pop zu verfallen. So schrieb die Band einen Song darüber, eine Band zu gründen („Formed A Band“), als sie sich gründete. Es war das Stück, das 2005 ihren Durchbruch markierte. Mit „Direct Hit“ widmen sich Argos & Co. nun der Tatsache, dass ihre Songs genau das geworden sind: durchschlagende Party-Kracher, in denen immer die Freude daran mitschwingt, wie einfach es ist, zum Popstar zu werden. Die Band umspielt einen engen Themenkreis, der sich aus der Welt des Pop und den Erfahrungen eines in ihr gefangenen Wirrkopfs speist. Da beschreibt der Sänger das manische Bedürfnis, einen Popsong im Radio lauter zu stellen, während die Freundin von ihm einen Kuss haben will („Pump Up The Volume“); das Ende einer Beziehung entschuldigt er witzig und wortreich damit, dass Liebespaare ohnehin nur fett und bequem würden und man sich diesen Teil vielleicht doch besser sparen sollte („People In Love“); oder Argos verarbeitet seinen Hang zur Panne mit der sehr schönen Geschichte von dem Mann, der seiner Geliebten betrunken, wie er ist, eine SMS-Nachricht schicken will, Tenor: Mach dir keine Sorgen, I sort this out, ich kriege das hin, und herauskommt: „post southing out“.

Jedes dieser brachialen Manifeste des Scheiterns trägt die Wahrhaftigkeit in eine Kultur zurück, in der es selbstverständlich scheint, die Inszenierung wichtiger als das Ereignis zu nehmen. Argos ist wie der Narr, der immer die Wahrheit sagt, um dazuzugehören. Denn das ist sein innigster Wunsch, wie „St. Pauli“ auf beinahe beklemmende Weise illustriert, ein Song, der mit der Zeile überrascht: „We are Hamburg School“.

So wird denn das Problem dieser wunderbaren Musik in ihrem Mangel an Geheimnis offenbar. Art Brut können härter werden oder feiner, brutaler, schräger oder schöner, aber überraschender nicht mehr. Das ist Musik für die Gegenwart, die keine Zukunft hat.

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