Artemis Quartett : Himmelwärts

Wenn man die Erhabenheit, die ein Streichquartett beim Musizieren erreicht, an der Positur seiner Mitglieder ablesen könnte, wäre das Artemis Quartett - beim Auftritt in Berlin - dem Himmel zu Recht ein Stückchen näher als die meisten Kollegen.

Gregor Dotzauer

Berlin Natalia Prishepenko und Gregor Sigl, die Geiger, und Friedemann Weigle, der Bratschist, spielen nämlich neuerdings im Stehen – auch wenn, anders als etwa beim Wiener Artis-Quartett, Rückenprobleme aus der Not eine Tugend gemacht haben. Nur Eckart Runge bleibt als Cellist auf einen Stuhl angewiesen, reißt sich aus seiner spezifischen Schwerkraft aber mit einem Furor los, dem wiederum die anderen standhalten müssen.

Beethovens frühes c-Moll-Quartett op. 18 Nr. 4, mit dem das Artemis Quartett am Montag das letzte Konzert seines aktuellen Berlin-Zyklus im Kammermusiksaal der Philharmonie eröffnete, ist noch ganz Kampf: ein von unruhiger Energie beseeltes Hineinleuchten in einen noch weitgehend auf Formerfüllung in der Nachfolge Haydns bedachten Notentext, in dem es nun pulst und flackert, als hätte man es schon mit den Zerrissenheiten und Beklemmungen eines viel späteren Beethoven zu tun. Das Zerebrale, bei dem selbst das harmloseste Detail vergrößert, abschattiert und kontrastiert wird, geht hier mit dem Körperlichen eine unheimliche Liaison ein, bevor das Thema des vierten Satzes in einem Prestissimo-Finale mit Lichtgeschwindigkeit zum Teufel gejagt wird und verglüht.

Gemessen daran, wie das c-Moll-Quartett vor 200 Jahren geklungen haben muss, ist das die hochakrobatische Ausdeutung einer Komposition, der man auch weniger virtuos zu Leibe rücken kann, ohne es zu zerstören. Igor Strawinskys wenig gespielte „Drei Stücke für Streichquartett“ (1914) dagegen sind tot, sobald man sie unterhalb der Möglichkeiten des Artemis Quartetts aufführt. Die perkussiven Zacken dieser Miniaturen, denen die amerikanische Dichterin Amy Lowell nach der Uraufführung 1915 drei herrliche Gedichte widmete, die wilden Dissonanzen ihrer Melodien und die sphärischen Flageolettgebilde, die ihnen entschweben, darf man gar nicht erst zusammenbuchstabieren. Sie müssen das Ereignishafte haben, das sie an diesem Abend zusammen mit Strawinskys sechs Jahre später komponiertem „Concertino“ auch hatten.

Nach der Pause Schuberts Streichquintett op. 163 – der Inbegriff seiner kammermusikalischen Kunst, angesiedelt in jenem Reich schmerzlicher Schönheit, das den historischen Stand dieser Gefühlswelt mühelos transzendiert. Für den erkrankten Truls Mørk, mit dem Artemis Schuberts Quintett auch gerade erst für Virgin eingespielt hat, sprang als zweiter Cellist der ihm ebenbürtige David Geringas ein. Zusammen durchquerten sie die an elegischen Mollfädchen hängenden Zonen ebenso bravourös wie die volltönenden Herrlichkeiten des synkopierten Scherzos. Ovationen. 

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