Auftritt der Woche : Der Kontaktsbereichssänger

Hinfallen, aufstehen, den Staub abschütteln und anders weitermachen – damit kennt Weidemann sich aus. Am Donnerstag tritt er mit Band und Annett Louisan als Special Guest im Admiralspalast auf.

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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Am Anfang war der Zufall, ein Herbstabend im Admiralspalast, und der Gedanke, dass Sänger sich jetzt schon Augenklappen aufsetzen, um sich interessant zu machen. Gewissermaßen als düster-glamouröse Pop-Piraten-Masche.

Ein paar Monate später war da derselbe Zufall, ein Aufhorchen beim Hinhören und der Gedanke: Wieso singt dieser schnauzbärtige, struppige, nicht mehr ganz taufrische Typ so melodiösen, silbrigen Deutschpop? Und dann auch noch mit dieser weichen, jungenhaften Stimme?

Einige Wochen, viele CD-Längen und ein langes Gespräch weiter bleibt die Antwort vage. Auf jeden Fall hat sie viel mit gelebtem Leben, Musikgeschichte, Abenteuerlust, Glück, Pech, dieser Stadt und einer ungestillten Neugier zu tun. Genauer gesagt mit dem „größtmöglichen Bogen musikalischer Neugier“, wie Nikko Weidemann das nennt.

Er ist der Typ mit der echten Augenklappe, wurde in Hessen geboren, lebt seit 2003 in Mitte, ab 1980 schon mal 15 Jahre in Kreuzberg, zwischendrin in London und New York, ist 48, Vater von vier Kindern und seit 30 Jahren im Musikgeschäft. „Schöne Schmerzen“ heißt sein aktuelles Album. Donnerstag stellt er es mit Band und Annett Louisan als Special Guest im Admiralspalast vor. Sein erstes Album seit 14 Jahren, das in deutscher Sprache und unter seinem Namen erschienen ist. Zu beidem gab es keine Alternative, sagt Weidemann. Zur Muttersprache nicht, „weil ich was zu erzählen habe“. Und zum eigenen Namen, „weil der meine letzte Option ist“. Umbenannt hat sich der Sänger, Gitarrist, Klavierspieler und Songschreiber mit diversen Bands seit den Achtzigern nämlich oft genug. Flucht nach vorn, Erster Futurologischer Congress, Mad Romeo, Nikko and the Passion Fruit oder King Capsule hießen die Bands. Punkrock, Postpunk, Krachfunk, Retropopgrunge und jetzt „Pianopowerpop“ sind die Musikstile. Weidemann hat mit Freunden und Kollegen wie Rio Reiser, Blixa Bargeld, Nick Cave, Nena oder Sean Lennon gearbeitet und Songs für Kinofilme wie „Gegen die Wand“ oder „Requiem“ geschrieben.

Darauf, ein Lied namens „Schöne Schmerzen“ zu schreiben, hat Nena ihn gebracht. Als er aus den Staaten zurück nach Berlin kam. „Wir haben über gute Songtitel rumgesponnen.“ Das Cover des Albums ziert die blau funkelnde Augenklappe, die Weidemann trägt. Hat der Titel nichts mit dem verlorenen Auge zu tun? „Nee“, sagt Nikko Weidemann, „genau umgekehrt. Manchmal ist es so, dass man Texte schreibt, die die Wirklichkeit in Gang setzen.“

Und dann erzählt er lapidar von dem Abend im Mai 2005, als das mit dem Auge bei einer Party in der Veteranenstraße passierte. Ein Typ beleidigt seine Begleiterin, Weidemann spricht ihn daraufhin an. Und der Typ rammt ihm ein Glas ins Gesicht, das seinen Augapfel zerschneidet.

Es ist erträglich, sagt Weidemann, einen Arm zu verlieren sei für einen Musiker schlimmer. Er wollte kein Opfer sein und hat zusammen mit seinem Freund und Produzenten, dem Selig-Gitarristen Christian Neander, weiter am Album gearbeitet. „Das sollte eben unbedingt rauskommen.“

Tags trägt er privat ein Glasauge, abends auf der Bühne die glitzernde Showaugenklappe. Als Schutz und aus Eitelkeit. Das asymmetrische Glasauge soll auf kein Foto. „Außerdem ist die Klappe jetzt mein trotziges Markenzeichen.“ Seitdem Weidemann sie trägt, finden ihn auch Leute interessant, die mit seiner Musik bislang nichts am Hut hatten. Also Glück im Unglück? „Kann man sagen.“

Hinfallen, aufstehen, den Staub abschütteln und anders weitermachen – damit kennt Weidemann sich aus. Und wie wäre es, doch noch Popstar zu werden? Er zuckt die Achseln. Muss nicht. Kontakt machen mit Menschen, das will er, „Kontaktbereichssänger“ sein. Ein Popstar brauche einfache Botschaften, in drei Sätzen vermittelbar. Ist nicht meine Art, sagt Weidemann. „Ich bin der Typ, der einfach nie fertig wird mit Erzählen.“ Nix ist mit der obercoolen Pop-Piraten-Masche.

Admiralspalast, Donnerstag, 21 Uhr, ab 15 Euro

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