Auftritt der Woche : Elektropop: Air spielen Mittwoch an der Hasenheide

Die einen sprechen fies von „Fahrstuhlmusik“, die anderen von traumhaftem Elektropop. Air spielen am Mittwoch an der Hasenheide. Nur: Was heißt eigentlich der Bandname? Jedenfalls nicht „Luft“.

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Die zwei Herren vom Mischpult. Die beiden Studenten Jean-Benoît Dunckel (links) und Nicolas Godin gründeten 1995 ihre Band. -Foto: Label

Ihre Musik ist wie die Fantasie vom weißen Strand, der Kokosnusspalme und dem bonbonfarbenen Sonnenuntergang: Fast jeder hat sich in dieses kitschig-schöne Bild in einer stillen Stunde wohl schon mal hineingeträumt und sich danach ein wenig dafür geniert.

Auf Wattewolken ins Regenbogenland – für diese Art des Eskapismus bietet die französische Band Air seit 15 Jahren den perfekten Soundtrack. So traumverloren, so unbelastet von aller irdischen Schwere klingen ihre bis ins kleinste Detail ausgewogen arrangierten Elektropop-Songs. Auch auf der Platte „Love 2“, die das Duo am Mittwoch im „Huxleys neue Welt“ in der Hasenheide präsentiert, flirrt die Sommerluft und ist selbst der Liebesschmerz nur eine weitere Art von Glück.

Den Künstlern selbst ist die Assoziation der musikalischen Weltflucht gar nicht unrecht: „Unsere Stücke sind wie Träume, wir wollen der Realität entfliehen“, sagt Sänger und Keyboarder Jean-Benoît Dunckel, der Air im Jahr 1995 zusammen mit Nicolas Godin gründet. Damals sind beide noch Studenten in Versailles, Godin studiert Architektur, Dunckel Mathematik. Nach ihrer ersten Band Orange nennen sie sich bald darauf Air und sagen später, der Name sei die Abkürzung für „Amour, Imagination, Rêve“, zu Deutsch Liebe, Fantasie und Traum. Als 1998 das Debüt „Moon Safari“ der heute 40-Jährigen erscheint, wird der unangestrengt kreative Mix-Kosmos aus Synthiepop, akustischen Gitarren und Streicherarrangements, der durch den ätherisch-sinnlichen Gesang der Amerikanerin Beth Hirsch im wahrsten Sinne des Wortes versüßt wird, innerhalb kürzester Zeit zu einem Klassiker des Ambient. Und nicht nur Partypeople lieben das Air-Flair, um in weichen Sofakissen beim Chill-out Energie für den nächsten Rave zu tanken. Auch die ältere Generation findet Gefallen an dem, was manche Musikkritiker bis heute abschätzig „bessere Fahrstuhlmusik“ nennen: Dunckel und Godin erzählen, dass sogar ihre Großmütter und früheren Lehrer von „Moon Safari“ begeistert gewesen seien.

In den Folgejahren veröffentlicht das Duo eine Sammlung ihrer Frühwerke („Premiers Symptomes“), den morbid-erotischen Soundtrack zu Sofia Coppolas Regiedebüt „The Virgin Suicides“ und das reguläre zweite Album „10 000 Hz Legend“, das düsterer und experimenteller als der Erstling gerät. Sowohl zu „Lost in Translation“ als auch zu „Marie Antoinette“ liefern Air stimmungsvolle Klangbilder weiblicher Seelenschau. 2004 folgt das wieder sehr wohlig-eingängige Album „Talkie Walkie“ und drei Jahre später das japanisch angehauchte „Pocket Symphony“. Wie schon zuvor wird jede neue Air-Platte von den Fans geliebt und von der überwiegenden Zahl der Kritiker als Inbegriff gepflegter Langeweile verrissen.

Die dürfte zumindest die Fangemeinde beim Auftritt im Huxleys nicht erwarten: Alle Songs werden, zum Teil auf alten analogen Instrumenten wie Korg-Synthesizern, komplett live gespielt. Und Sänger Dunckel, der Mann mit der hohen Kopfstimme, übernimmt den Part der zahlreichen Gastsängerinnen von den CDs. Ausufernd lang sind die Auftritte allerdings meist nie, manchmal war schon nach einer knappen Stunde Schluss.

Mittwoch, 20 Uhr, Huxleys neue Welt, Hasenheide, Kreuzberg; Tickets 37 Euro.

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