Auftritt der Woche : Kaiser Chiefs: Es ist cool, nichts zu wissen!

Der Hit „Ruby“ der Kaiser Chiefs dürfte vielen noch im Ohr klingen. Das Stück besiegelte die Vermählung von Ballermann und Indie-Rock. Aber war's das nun? Montagabend tritt die Truppe in Berlin auf.

Kolja Reichert

Achtung, liebe Kulturpessimisten, das hier könnte wehtun. Wer von Rockmusik noch gesellschaftskritisches Potenzial erwartet, der schalte jetzt ab. Hier kommt der Soundtrack für die Partytouristen, die hordenweise aus den Easyjet-Fliegern in Schönefeld quillen, auf der Suche nach billigem Bier und Clubs, die nie schließen. Man hört sie schon von Weitem, die Chöre einer Jugend, die nichts will als saufen und raufen: „Ruby ruby ruby ruby, oh wa ow ow ooow!“

„Ruby“, der nihilistische Partyschreck- Hit vom zweiten Album der Kaiser Chiefs, dürfte vielen noch im Ohr klingen. „Wegen mangelnden Interesses wird die Zukunft abgesagt“, besingt Frontmann Ricky Wilson darin die Flatrateparty-Mentalität einer perspektivlosen Jugend. Das Stück besiegelte die Vermählung von Ballermann und Indie-Rock und erhob diesen endgültig zur Konsensmusik mit Airplay. Platz 11 der deutschen Single-Charts: Das hatten weder The Strokes geschafft noch The Libertines noch die Kaiser-Chiefs-Freunde Franz Ferdinand. Heute Abend präsentiert die Band in der Columbiahalle ihr aktuelles Album „Off With Their Heads“. Auf deutsch: „Köpft sie“.

Die Band aus Leeds gab sich schon immer kämpferisch. „I Predict a Riot“ hieß die Single, mit der die Kaiser Chiefs 2004 den Durchbruch schafften. Einen wirklichen Aufstand muss man von ihnen allerdings nicht erwarten. Die Kaiser Chiefs schöpfen zwar den Reizwert von Protestmusik ab, befreien sie aber von allen Inhalten. Große Klappe, nix dahinter? „Wir sind nicht politisch“, sagt Schlagzeuger Nick Hodgson, der die Songs schreibt. Ihm gehe es vor allem um eins: „Energie“.

Niemand kann behaupten, dass es den Kaiser Chiefs daran fehle. „Everyday I Love You Less and Less“ oder „Oh My God“ sind sichere Nummern auf jeder Indie-Party. Die Band komprimierte die Tradition britischen Poprocks von The Jam bis Supergrass zu unwiderstehlichen Hits, zu denen jeder feiern kann. Das muss man auch erst mal schaffen. „Das Schwerste ist, es einfach aussehen zu lassen“, findet Songwriter Hodgson.

Außerdem ist das ja auch eine Aussage: dass Aussagen out sind. „Everything Is Average Nowadays“, sang Ricky Wilson auf dem zweiten Album „Yours Truly, Angry Mob“. Wenn alles durchschnittlich ist, dann war es auch nur konsequent, dass die Kaiser Chiefs im Dezember bei einer britischen Fernsehshow gemeinsam mit der Casting-Band „Girls Aloud“ rockten. Um Kredibilität geht es hier nicht, sondern um größtmögliche Partywirkung. Während die anderen drei als Schüler noch mit ihrer Rockband Parva vergeblich auf Erfolg warteten, legte Ricky Wilson auf Partys in Leeds als DJ auf – und verstand vielleicht als erster, dass es die Funktionalität auf der Tanzfläche ist, die Musik heute bieten muss.

So empfahl sich für das aktuelle Album auch Produzent Mark Ronson, der schon „Oh My God“ vom ersten Album gemeinsam mit Lily Allen zweitverwertet hatte. Wenn auch die typischen Ronson-Bläser fehlen, sind die Stücke druckvoll und prägnant poliert. „Never Miss a Beat“, zum Beispiel, die erste Single. „Was hast du in der Schule gelernt?“, wird da gefragt. „Ich bin nicht hingegangen.“ – „Warum bist du nicht hingegangen?“- „Ich weiß nicht!“ Und aus Tausenden Kehlen wird heute in der Columbiahalle das Manifest gegen jede bildungspolitische Besorgnis erschallen: „Es ist cool, nichts zu wissen!“ Kolja Reichert

Ab 21 Uhr, 24 Euro

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