Auftritt der Woche : Rockige Weihnachten

Wladimir Kaminer und seine Frau Olga laden Heiligabend in die Volksbühne. Es soll getanzt werden.

Eva Kalwa
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Bereit für »Revolution Rock«. Olga und Wladimir Kaminer haben sich für Donnerstag ein besonderes Konzept überlegt. Beginn ist um...Foto: Uwe Steinert

Wladimir möchte eine Weihnachtsgeschichte zum Thema Himmel, Flugangst und Flugzeuge vorlesen. Olga will lieber etwas über Katzen hören: So ganz ist sich das Ehepaar Kaminer noch nicht einig, welche festlichen Geschichten es am 24. Dezember in der Volksbühne präsentieren wird. Sicher ist nur, dass nach der Lesung gefeiert wird – mit Wladimir am Plattenteller und Olga auf der Tanzfläche des Roten Salons. Dabei will Wladimir nicht nur die Musik seiner Partyreihe „Russendisko“ auflegen, sondern auch Songs aus Italien, Frankreich und anderen europäischen Ländern. „Revolution Rock“ nennt er seine Auswahl.

„Eigentlich sind ja sowieso alle Geschichten von mir Weihnachtsgeschichten: tragisch, aber mit gutem Ausgang“, sagt Kaminer mit so dröhnender Stimme, dass auch das Pärchen in der hintersten Ecke des thailändischen Restaurants am Falkplatz in Prenzlauer Berg ihn noch gut verstehen kann. Hier ganz in der Nähe wohnt der Autor und DJ russischer Herkunft zusammen mit seiner Frau und den zwei Kindern Nicole und Sebastian seit rund 15 Jahren. Auch zwei Siamkatzen gehören zur Familie. Sie eignen sich, erzählt Kaminer, am russischen Heiligabend, dem 6. Januar, gut zum Wahrsagen: „Ich setze unseren Kater Fjodor Dostojewski auf die Schwelle zwischen zwei Zimmern. Kommt er zu mir, bringt es Glück. Läuft er weg – Pech gehabt.“

Der 42-Jährige wirkt an diesem kalten Samstagnachmittag nicht nur wegen seiner lauten Stimme und dem riesigen Suppenteller, der vor ihm steht, wie ein Mann der Superlative. Auch wenn er davon erzählt, wie in seiner Familie Weihnachten und Silvester – ein bedeutender russischer Festtag, an dem „Väterchen Frost“ die Geschenke bringt – gefeiert werden, macht er deutlich, dass er sich nicht gern mit Kleinkram zufrieden gibt: „Je mehr Geschenke, desto besser. Denn umso gottähnlicher handeln wir“, sagt Kaminer. Deshalb hat er auch gerade zusammen mit Olga den größten Weihnachtsbaum ausgesucht, den er bekommen konnte: damit alle Geschenke für die Familie und Freunde bloß darunterpassen. „Wir Russen feiern das Weihnachtsfest immer so, als wäre es das allerletzte.“ Mit viel süßem Champagner, Fleischsalat und Hering unterm Mantel.

Auch die Silvesterknallerei geht Kaminer nicht halbherzig an: Alles Geld, was noch nicht für Weihnachtsgeschenke draufgegangen sei, gebe er für Raketen aus. „Das Feuerwerk, das man immer im Fernsehen und hinter dem Brandenburger Tor sieht – also, das sind wir“, sagt er mit undurchdringlichem Gesichtsausdruck. Manchmal blickt ihn seine Frau Olga bei solchen Sätzen mit ernstem Blick von der Seite an, als wolle sie sagen: „Wladimir, du weißt schon, dass das morgen in der Zeitung stehen wird, oder?“ Und als Gesprächspartner ist man sich nie sicher: Übertreibt Kaminer aus guter Laune oder aus Überzeugung, dass die Wirklichkeit vor allem eins ist – absurd?

Dass da heute einer erfolgreich auch das mit Humor bannt, was früher einmal wehgetan haben mag, wird spürbar, wenn Kaminer von den Weihnachtsfesten in Moskau erzählt, wo er geboren wurde. „Jedes Jahr gab es zerstampfte Tüten mit Süßigkeiten. Und drei Jahre hintereinander hat mir Väterchen Frost einen weißen Schokohasen mit roten Augen gebracht“, sagt er.

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